Berlin - Über den Tresen im „Pirata Patata“ gehen normalerweise Schnäpse, weil es etwas zu feiern gibt. Eine Runde Tequila auf den Geburtstag des Kumpels, zwei Klare auf die abgegebene Abschlussarbeit. Gäste kippen in der Kneipe Kurze auf die Liebe, die Freundschaft, gewonnene Fußballspiele, den Freitagabend oder schlicht, weil das Bierglas vor ihnen sonst so einsam aussieht.

Und in letzter Zeit trinken sie vermehrt auf Weltpolitik – beziehungsweise dagegen.
„Seit wir den Soli-Mexikaner anbieten, bestellen ihn die Leute ohne Ende“, sagt ein Mitarbeiter, während er ein Bier zapft.

Auf einem Poster hinter dem Mann durchbricht ein grinsendes Schnapsglas eine Mauer. „Mexikaner gegen Trump“, steht darunter. Wer hier einen Mexikaner, also einen Tomatenschnaps, bestellt, spendet damit Geld für den Protest gegen den G20-Gipfel, der am 7. und 8. Juli in Hamburg stattfindet.

Dort kommt die Schnapsidee auch her, Einnahmen fließen in Flyer, Plakate oder Lautsprecherwagen. In Berlin sammeln rund 15 Kneipen mit, unter ihnen zum Beispiel das SO36 und der Schokoladen. „Das ist eine spaßige Art, um Ablehnung zu zeigen. Ganz niedrigschwellig, jeder kann mitmachen“, sagt der Tresenmann.

Verfassungsschutz zählt in Berlin 2640 Linksextremisten

Der Schnaps ist eine von vielen Formen, wie sich in Berlin im Vorfeld des Gipfels Protest ausdrückt. Denn nicht nur in Hamburg mobilisieren Gruppen gegen das Treffen der 20 führenden Industrie- und Schwellenländer, das den größten Polizeieinsatz in der Gesichte der Hansestadt auslösen wird.

Auch in Berlin werden die Kritiker Woche für Woche aktiver. Dabei reicht das Spektrum der Organisatoren aus der gesellschaftlichen Mitte bis nach weit Linksaußen. Seit Anfang des Jahres laufen in der linksradikalen Szene Kampagnen, die Berlins Innensenator Andreas Geisel (SPD) als „warmlaufen“ bezeichnet. In den vergangenen Wochen gab es mehrere Angriffe von Linksautonomen auf Polizisten.

Auch Brandstiftungen wurden im Zusammenhang mit dem G20-Gipfel verübt. Nach Erkenntnissen der Sicherheitsbehörden planen viele Linksextremisten, nach Hamburg zu reisen. Der Verfassungsschutz zählt in Berlin 2640 Linksextremisten, von ihnen gelten rund 940 als gewaltbereit.

Eine Meer aus Bannern

Dass Krawallmacher ein schlechtes Licht auch auf die bürgerlichen G20-Gegner werfen könnten, fürchtet Uwe Hiksch nicht. „Es ist gut, dass der Protest so vielfältig ist. Der Versuch, alle Demonstranten unter einen Hut zu bringen, würde ihn lähmen“, sagt er. Hiksch ist im Bundesvorstand der Naturfreunde, am heutigen Samstag organisiert sein Verband zusammen mit Greenpeace eine Banneraktion vor dem Brandenburger Tor.

Um 11 Uhr treffen sich dort, genau wie in dutzenden anderen deutschen Städten, Bürger, um ihre Forderungen an die Spitzenpolitiker auf Transparente zu malen. Die Plakate aus Berlin sollen mit Bussen nach Hamburg reisen, um am 2. Juli in die Höhe gehalten zu werden.

Zu der Großdemonstration an diesem Tag, die ihre Organisatoren „Protestwelle“ getauft haben, erwartet Hiksch mehrere Zehntausend Menschen. Aufgerufen hat ein Bündnis aus Umwelt- und Entwicklungsorganisationen.

„Grausame Welt des globalen Kapitalismus“

„Wir wollen friedlich demonstrieren, mit Luftballons, Schildern und Musik. Unser Schwerpunkt liegt auf Protest, der nicht von Polizisten in Dreierreihen begleitet wird“, sagt Hiksch. „Wir lehnen auch den G20-Gipfel nicht ab. Es ist gut, dass die Staatschefs miteinander sprechen – aber wir haben Forderungen, worüber sie reden!“

Die Naturfreunde setzen sich für eine veränderte Klima- und Handelspolitik ein. Die Demonstrationen, die unmittelbar vor und während des Gipfels stattfinden, ändern die Stoßrichtung. Die linken und teils radikaleren Organisatoren der Kundgebung am 8. Juli stellen sich, wie es in dem Aufruf steht, deutlicher gegen den Gipfel an sich und die „grausame Welt des globalen Kapitalismus, wie sie von den G20 repräsentiert wird“.

Auch die türkische Föderation Demokratischer Arbeitervereine (DIDF), in der Linke aus der Türkei organisiert sind, ruft zum Teilnehmen auf. Der Berliner Ortsverband mobilisiert gezielt in der türkischen Community. Dort wird der Gipfel durch die Teilnahme von Präsident Recep Tayip Erdogan zum Politikum.

Hamburg verbietet Zeltcamps

„Die Unterstützer Erdogans feinden uns an, wenn wir Flyer verteilen“, sagt Kamer Arslan, der Vorsitzende der Berliner DIDF-Sektion. Die Spaltung in der türkischen Gemeinschaft sei heute tiefer, als noch vor ein paar Jahren. „Wir versuchen trotzdem, alle zu erreichen“, so Arslan.

Er setzt auf Dialog, in der Ankündigung der Demonstration spricht die DIDF explizit von „friedlichem Protest“ – bei anderen Organisatoren fehlt eine derartige Formulierung im Aufruf.
Wie viele Menschen schlussendlich aus Berlin zu den G20-Protesten anreisen werden, lässt sich schwer schätzen.

Drei Busse zur Protestwelle sind bereits gefüllt, bis zu zehn könnten es werden. Zur linken Demo eine Woche später dürfte mindestens eine ähnliche Busflotte unterwegs sein. Ungeklärt ist dabei übrigens noch die Frage, wo die Zehntausenden Protestler aus Deutschland und ganz Europa übernachten sollen – Zeltcamps hat die Stadt Hamburg zumindest gerade verboten.