Es wird ein bisschen weniger pompös, aber deswegen nicht weniger spektakulär. Nach ihrem Nachmittag im Palast von König Salman am Roten Meer reist Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstag ins Ferienhaus des russischen Präsidenten am Schwarzen Meer. Was bis vor wenigen Jahren eine Standardübung war, ist nun eine Besonderheit: Merkel besucht Wladimir Putin zum ersten Mal seit zwei Jahren.

Wegen der Annexion der Krim und des fortgesetzten Ukraine-Konflikts verzichtete Merkel darauf, dem Präsidenten die Aufwartung zu machen, weil sie ihm Völkerrechtsbruch vorwarf. Es wurde telefoniert, man sah sich auf Konferenzen, aber zum vertraulichen Tete-à-tete kam es nicht.
Nun bietet sich der Kanzlerin der Rahmen, die Blockade wieder aufzuweichen, ohne dass sich in der Ukrainefrage besonders viel bewegt hätte.

Ein praktisches Nebenergebnis

Als Organisatorin der nächsten G20-Konferenz reist sie zu allen Teilnehmerstaaten – eben auch nach Russland. Sie kann sich auf die Position zurückziehen, dass sie nicht ihre Prinzipien verrät, sondern ihre internationale Funktion die Reise notwendig macht. Ein praktisches Nebenergebnis für sie mag sein, dass sie den Kritikern ihres harten Russlandkurses – in ihren eigenen Reihen wie bei der AfD – in einem Wahljahr etwas Wind aus den Segeln nimmt.

Putin, der Potentat mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, der ein Schlüssel sein könnte für die Lösung des Syrienkonflikts, kann sich durch die neue Aufmerksamkeit hofiert fühlen. Er wird den Besuch als PR-Veranstaltung nutzen, selbst wenn Merkel wenig Begeisterung erkennen lassen sollte. Es kann sein, dass eine Lösung im Syrienkonflikt dadurch ein kleines Stück näher rückt, weil es meistens eben doch hilft, noch mal und noch mal zu sprechen. Es kann aber auch sein, dass nachher alles noch schwieriger ist als zuvor.