G20 und Afrika: Alles, was Willy Brandt im Jahr 1980 schrieb, ist aktuell

Es ist jetzt fast 37 Jahre her, dass Willy Brandt als Vorsitzender der sogenannten Nord-Süd-Kommission seinen Bericht vorgelegt hat. Politiker und Wissenschaftler aus der ganzen Welt hatten im Auftrag der UN zwei Jahre lang darüber nachgedacht, wie die Menschheit zu retten sei. Der Titel des Buchs: „Das Überleben sichern“. Brandt hatte das Nachdenken über Entwicklungspolitik vom Kopf auf die Füße gestellt. Nicht politisches Eigeninteresse (man war mitten in der Ost-West-Konfrontation) oder bloße humanitäre Anteilnahme sollte die Haltung zwischen den Staaten des Nordens und des Südens prägen. Brandt war überzeugt, dass eine Entwicklungspolitik nur erfolgreich sein kann, wenn sie versteht, dass Nord und Süd gemeinsame Interessen haben. Er sprach von globaler Verantwortung, von einer neuen „Weltzivilisation“. Er sprach nicht von Wirtschaftsentwicklung. Er sprach von Entwicklung. Und meinte Entwicklung im umfassenden Sinne.

Willy Brandts Schlussfolgerungen aus der krisenhaften Situation, in der er die Menschheit angesichts von Kriegen, Umweltzerstörung und Hunger sah, sind herzerwärmend. Sie sind getragen von der Vorstellung von Gleichheit. Gleichheit nicht nur der Chancen, so schreibt er, sondern Gleichheit der „tatsächlichen Gegebenheiten“. Er machte Vorschläge für eine „gerechte Lastenverteilung“, zum Beispiel über einen weltweiten Steuerausgleich auf der Welt. Das war revolutionär.

Wie anders ist heute die Tonlage. Wenn beim G20-Gipfel in Hamburg über den „Compact with Africa“ gesprochen wird, dann geht es ausschließlich um wirtschaftliche Entwicklung. Angela Merkel hat kürzlich gesagt, man müsse einsehen, dass die bisherige Entwicklungspolitik nicht erfolgreich war. Aber der Schluss, der daraus gezogen wird, ist eiskalt. Es geht jetzt um das Investitionsklima, um die Verbesserung von Bedingungen für westliche Konzerne, Afrika als Markt zu erschließen. Man könnte auch sagen, es ist die Kapitulation der westlichen Staaten vor ihren eigenen Fehlern. Es ist nicht falsch, afrikanische Staaten dabei zu unterstützen, berechenbare Bedingungen für Unternehmen zu schaffen. Aber glauben wir wirklich, dass so die jungen Afrikaner davon abgehalten werden nach Europa aufzubrechen? Merkels Initiative des Compact with Afrika hört sich ein wenig freundlicher an als das, was die Chinesen in Afrika veranstalten. Nachhaltig besser aber ist es nicht.

Alles, was Willy Brandt im Jahr 1980 schrieb, ist aktuell. Die Menschheit hat allerdings 37 Jahre verstreichen lassen, ohne etwas Substanzielles im Brandt’schen Sinne zu tun. Und die Gefahren sind größer geworden. Brandt wusste noch nichts vom internationalen Terrorismus, von der neuen Weltunordnung, die durch das Ende der Blockkonfrontation entstehen würde, er wusste nichts von Digitalisierung und Cyberkriminalität. Aber Brandt hatte seine Ideen unter der Bedrohung eines Atomkrieges entwickelt. Er hat selbst unter dieser politisch eigentlich aussichtslosen Lage Veränderungen für möglich gehalten.

Es kann heute mit den Möglichkeiten weltweiter Vernetzung nicht schwerer sein, groß zu denken. Es ist eine Frage des Wollens. Willy Brandts Bericht aus dem Jahr 1980 gibt es nur noch im Antiquariat. Eine Neuauflage würde der Menschheit guttun.