Sacrow - Der Blick vom Wasser aus auf den grünen Ufersaum der von Lenné und Fürst Pückler geschaffenen Parkanlagen ist einzigartig. Es gibt wohl keine schönere Art, sich den preußischen Schlössern und Gärten zu nähern als mit dem Wassertaxi. Vom Potsdamer Hauptbahnhof aus führt die Route gen Norden am Schloss Babelsberg, am Neuen Garten und Volkspark Glienicke vorbei. Das Taxi fährt flott vom rechten zum linken Ufer und wieder zurück, um die Gäste zu den Sehenswürdigkeiten zu bringen. Dabei kreuzt es ständig die ehemalige Grenze der DDR zu West-Berlin.

Die beiden jungen Männer, die das Schiff lenken und freundlich Fragen beantworten, sind sich dessen garantiert nicht bewusst. Aber wer sich auf dem Weg zum Schloss Sacrow befindet, wo bis zum 13. November die Ausstellung „Gärtner führen keine Kriege“ zu sehen ist, der genießt jeden dieser „Grenzdurchbrüche“ in vollen Zügen.

Die Landschaft entlang der Havel ist nicht spontan gewachsene Natur, wild und schön, sondern eine Kulturlandschaft – ebenfalls schön, aber von Gartenkünstlern entworfen und nach genauen Plänen geformt. Sie war ausdrücklich als Einheit gedacht, die sich über beide Ufer in Ost und West erstreckt.

Diese Kulturlandschaft wurde 1961 und in den Jahren danach durch den Mauerbau und die DDR-Grenzanlagen brutal zerschnitten. Wie die von Jens Arndt kuratierte Ausstellung im Schloss Sacrow anhand von Fotos und eindrucksvollen Exponaten belegt, mutierte der im 19. Jahrhundert angelegte romantische Uferweg in DDR-Zeiten zu einem von Pestiziden verseuchten Patrouillenweg der Grenztruppen.

Im Park des Schlosses Sacrow wurden Hunde für den Zoll ausgebildet. Die Heilandskirche stand plötzlich hinter der Mauer und durfte von ihrer Gemeinde nicht mehr betreten werden. Die herrlichen Sichtachsen zwischen den Schlössern rund um die Glienicker Brücke waren bald zugewuchert. Mit einem Satz: Die deutsch-deutsche Grenze zerstörte über 35 Hektar einer einzigartigen Kulturlandschaft.

Es ist ein Segen für die Schau, dass Arndt von der Profession her Dokumentarfilmer ist. Er interviewte Direktoren der Staatlichen Schlösser und Gärten Potsdam/Sanssouci, Denkmalpfleger und Gärtner, die für die Parkanlagen Babelsberg, Neuer Garten, Sacrow, Glienicke und Pfaueninsel zuständig waren, und lässt den Besucher über die Filme, die in jedem Raum gezeigt werden, an ihrem Kampf um die Erhaltung des historischen Erbes teilhaben.

Sie erzählen, wie Grenzer für freie Sichten sorgten. Allerdings in anderem Sinne als Peter Joseph Lenné: Es ging ihnen um „freies Sicht- und Schussfeld“, um Fluchtversuche zu verhindern. Dazu wurden kunstvoll geschwungene Wege und sorgsam errichtete Hügel rücksichtslos weggebaggert und begradigt.

Karl Eisbein, der von 1969 bis 2008 im Park Babelsberg arbeitete und noch heute dort lebt, schildert, wie er 1976 Augenzeuge war, als die berühmte, von Pückler angelegte Rosentreppe mit schwerer Technik zugeschoben wurde. „Wenn man am Schloss steht und sieht eine Planierraupe quer durch das Bowlinggreen die Erde wegschieben, um einen geraden Fahrweg zu haben, war das schwer zu ertragen.“

Er konzentrierte sich in solchen Situationen darauf, sich einzuprägen, wo sie die Erdmassen hinschoben, um das für kommende Gärtnergenerationen, die das Ensemble rekonstruieren würden, festzuhalten. Er ahnte nicht, dass er selbst maßgeblich Hand mit anlegen würde. Eisbein hat sich auch genau gemerkt, wo er nach Resten der zerstörten Anlagen graben könnte. So fand er wesentliche Teile des Tudorbogens, der die Rosentreppe überspannte. Die Treppe steht heute wieder in alter Schönheit da.

Messerstich im Rembrandt

Der fast 30 Jahre andauernden Malträtierung der Parks im Grenzgebiet folgte nach der Wende die aufwendige Restaurierung. Die Gärtner handelten damals blitzschnell. Sie beseitigten Wildwuchs, der die historischen Sichten behinderte, rekonstruierten Wege und Höhen. „Da war Kunst zerstört worden. Als ob man in ein Rembrandt-Gemälde mit einem Messer reingeschlitzt hätte. Und nun galt es, das zu reparieren. Es hat mich tief bewegt, dass ich dabei helfen durfte“, sagt Karl Eisbein (73). Heute sind die Wunden verheilt.

Die Ausstellung: „Gärtner führen keine Kriege“ des Vereins Arc Sacrow e. V. ist nur Fr–Mo von 11–18 Uhr geöffnet. Eintritt: 9 Euro, ermäßigt 6 Euro. Schülergruppen ab Klasse 5 können sich unter 0177–462 84 34 anmelden.