"Berlin und ein Stadtleben ohne Kunst ist zwar möglich, aber sinnlos.“ Bei diesem nun doch noch frühlingshaft gewordenen Gallery Weekend darf man wohl Loriots Mops-Philosophie benutzen.

Als am Montag an dieser Stelle unsere Wochenserie zum Kunstereignis begann, hofften wir vor allem auf Entdeckungen. Das Versprechen, das dürfen wir, nach einer marathonartigen Tour durch die Galerien, nun verkünden, ist eingelöst. Und – so viel vornweg – wir können berichten, dass in der aktuellen Szene im Tafelbildformat gearbeitet wird, was das Zeug hält, ob nun malerisch, foto- oder textiltechnisch oder gleich alles zusammen. Vermutlich ist das günstiger für den Verkauf als sperrige Installationen, denn auch bei Sammlern wird, wie es scheint, der Platz knapp. Setzen wir nun unseren Streifzug durch eine weitere Auswahl von Galerien fort, berichten in aller Kürze, was die Kunst der Welt uns zu sagen hat:

Peres Project, Karl-Marx-Allee 82: Der Kalifornier Mike Bouchet, geboren 1970, zelebriert auf riesigen Bildformaten namens „Bounty“ und Makro-Cola-Flaschen-Skulpturen das Sterben der Mutter Erde und ihrer bis zum Mars gekommenen Zivilsation in obszöner Schönheit, als gleichsam altmeisterlich-magisch-tödliche Altäre des Konsumwahns, der Wegwerf-Mentalität, der Müllberge, der geistlosen Verschwendung von Ressourcen. Und wenn der letzte Fisch gefangen, der letzte Baum gefällt, der letzte Schluck Wasser getrunken sein wird, werden die Menschen merken, dass man Geld nicht essen kann...

Galerie Marzona, Friedrichstr. 17: Olaf Holzapfel, geboren 1969 in Görlitz, malt seine Bilder nicht, er fertigt seine landschaftsartigen Farbfelder und Zeichen in einer indianischen Textiltechnik: aus Kakteen-Fasern, gefärbt in den Erdfarben nordargentinischer Indios – der Wichis. Der Biennale-Künstler bringt auf faszinierende, sinnliche Art und Weise eine archaische Kultur und die Moderne zusammen, stellt die Frage nach Verhältnismäßigkeiten.

Galerie Neu, Linienstr. 119abc: Die Fotografin Anne Collier aus Los Angeles, Jahrgang 1970, macht das dramatische Phänomen der Tränen zum Thema, schafft ein romantisches, berührendes, denkwürdiges Lexikon weiblicher Tränenspuren – mit und ohne Wimperntusche.

Galerie Czarnowska, Rudi-Dutschke-Str. 26: Ein Nestor der Nachkriegsmoderne, der heute 94-jährige Pole Stanislav Fijatkowski, bekommt hier gleichsam eine Werkschau von den Sechzigern bis heute, kuratiert von Anda Rottenberg und Ory Dessau. Der Maler knüpft an die westliche Vorkriegsabstraktion und die russische Avantgarde an, aber er deutet alles neu. Weg von den -Ismen, also Schubladen der Kunstgeschichte, findet er eine eigene, so rationale wie geheimnisvolle Sprache.

Galerie Thumm, Markgrafenstr. 68: Der Kubaner Diango Hernández, geboren 1970, übersetzt Wellen in Malerei, blaue, fast Motherwell’sche Schwünge. Seine „Marina“, samt Sandbänkchen und Orangenleuchter, meint aber keineswegs nur das karibische Meer. Er übersetzt, wie in Schallplattenrillen, die Schallwellen der Fidel-Castro-Reden aus den Lautsprechern am Platz der Republik in Havanna . Was für ein Kunstbeitrag zum neuen Zeitalter Kubas!

Galerie Th. Schulte, Charlottenstr. 24: Der Brite Idris Khan (38), Sohn eines Pakistani, wird zum Magier mit seinen rätselhaften raffinierten Hinter-Glas-Buchstaben-Installationen, in hellen wie dunklen Tönen rhythmisch gestempelt, wie ein sinnbetörend poetischer Spuk.

Galerie Esther Schipper, Schöneberger Ufer 65: Hier lässt der Argentinier Tomás Saraceno (43) eine Spinne arbeiten. Eine echte, senegalesische, eine „Arachne“, wie die Weberin in der griechischen Mythologie heißt. Drei prächtige, einander durchdringende Netze hat sie in den letzten drei Tagen in ihrem Glaskubus gewebt. Ein herrlich luftig-schwebendes 3D-Bild ist so entstanden, das in dem schwarzen Kabinett optisch zu vibrieren scheint. Fahles Scheinwerferlicht brutzelt auf ihren Seidenfäden und wirft das Licht weiter auf die Rückwand als helle Scheibe: Der Mond. Die Spinne sitzt in seinem Schatten. Und weil Saraceno, der seine utopischen Projekte mit Wissenschaftlern erarbeitet, ein ganzheitlich denkender Künstler ist, macht er die Vibrationen der Besucherschritte zu Klang. Der wiederum mischt sich mit den für uns nicht hörbaren Wellenfrequenzen der Spinne. Der Staub, den die Besucher dabei aufwirbeln, flirrt zeitgleich als Film über eine kleine Kinoleinwand. Das wundersame „Arachno Concert“ feiert Premiere.

Galerie Barbara Wien, Schöneberger Ufer 65: Der irakisch-stämmige US-Künstler Michael Rakowitz (43) zeigt hier kulturpolitisch inspirierte Kunst. Auf langen Sperrholztischen reihen sich Artefakt-Repliken seines Langzeitprojekts „The Invisible enemy should not exist.“. Eine direkte Antwort auf die Plünderung des Irakischen Nationalmuseums in Bagdad und bewegende Hommage an dessen verstorbenen Direktor. Die verschwundenen Objekte hat Rakowitz 1:1 aus Verpackungsmaterial von Nahost-Produkten und arabischen Zeitungen nachgebaut. Deren bunte Farben und Kalligrafien geben dem Ensemble etwas Verspieltes – und Hoffnungsvolles.

Helga Maria Klosterfelde Edition, Potsdamer Straße 97: Der thailändische Künstler Rirkrit Tiravanija (55), bekannt für seine sozialen Skulpturen , lädt mit einer interaktiven Edition die Besucher zum Mikado-Spiel ein. Ein entspannender Abschluss nach einem derart opulenten Galerien-Gastmahl der Sinne. (Alle Orte geöffnet, Sa+So 11–18 Uhr)