Dass das Bild vom pizzamampfenden männlichen Computernerd, der nächtelang vor seinem Bildschirm sozial vereinsamt, nicht stimmen muss, zeigt das Gamesfest in Friedrichshain. Bei dem mehrtägigen Festival, das noch bis Sonntagnacht geht, passiert deutlich mehr, als bloßes Zocken am Bildschirm. Das Programm ist abwechslungsreich und reicht von einer virtuellen Ballettaufführung über einen Programmierworkshop bis hin zu verschiedenen Wettbewerben und Spielen.

„Wir wollen die Vielfalt digitaler und interaktiver Unterhaltungskultur zeigen“, sagt Andreas Lange, Direktor des Computerspielemuseums. Das Museum veranstaltet das Gamesfest zusammen mit der Stiftung Digitale Spielkultur zum zweiten Mal seit 2013. Das Festival findet sowohl direkt im Museum an der Karl-Marx-Allee als auch in der ehemaligen Karl-Marx-Buchhandlung statt, die sich schräg gegenüber befindet, und ist Teil der International Games Week. „Unser Angebot richtet sich nicht nur an Gamer, sondern auch an Familien, Retro-Fans und allgemein an Kulturinteressierte“, erklärt Lange.

Zurzeit zeigt das Museum die Ausstellung „Let’s Play. Computerspiele aus Frankreich und Polen“, die einen virtuellen Blick auf unsere Nachbarländer wirft und bei der man Games für Tablet-PCs ausprobieren kann, die Geschicklichkeit, Reaktionsfähigkeit und logisches Denken vom Spieler fordern. So muss man beispielsweise Flüssigkeiten mit verschiedenen physikalischen und chemischen Eigenschaften über einen Hindernisparcours lenken.

Viele der Spiele auf dem Festival finden überraschenderweise gar nicht virtuell statt. So werden die „Streetgamespiele“ direkt auf dem Bürgersteig veranstaltet. Die Karl-Marx-Allee mit ihrer gewaltigen Breite bietet dafür die Kulisse. Es handelt sich um einfach zu erlernende Spiele, die oft von Computergames inspiriert sind. Bei „Human Snake“ zum Beispiel bilden die Teilnehmer eine wachsende menschliche Schlange, die Punkte sammelt, ähnlich wie bei dem Spiel, das es auch fürs Handy gibt: Menschen spielen Computerspiele nach. Eine so bizarre wie lustige Wendung. Auch bei „Escape the Room“ ist es ein echter Raum, in dem eine kleine Gruppen von Spielern eingeschlossen wird. Sie müssen eine Reihe von Rätseln lösen, um den Raum wieder verlassen zu können. Ein „Operator“ ist dabei ihre einzige Verbindung zur Außenwelt und greift ein, wenn sie etwas falsch machen oder nicht weiterkommen. Dieser Spieletrend stammt aus Ungarn und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Ableger gibt es schon in mehreren europäischen Städten. „Klassische Elemente von Adventurespielen werden hier in einem existierenden Raum eingesetzt“, erklärt Lange. Immer öfter würden Ideen und Konzepte aus Computerspielen zurück in die real physische Welt übertragen. „Diese großen Online-Spielewelten wird es weiterhin geben, aber wir erleben, dass das gemeinsame Spielen von Angesicht zu Angesicht wieder wichtiger wird“, sagt Lange. Statt einer klaren Trennung zwischen virtueller und real physischer Welt gebe es immer mehr Mischformen.

Das ist auch beim Ballet Pixelle der Fall. In der ganzen Welt lebende Künstler führen eine Live-Performance in einem Online-Spiel auf. Gezeigt wird diese dann in einem Zuschauerraum auf dem Festival. Grenzen verschwimmen auch beim Cosplay. Cosplay, das sich aus den Begriffen „Costume“ und „Play“ zusammensetzt, meint das Spiel mit der Verkleidung. Hierbei verkleiden sich die Spieler möglichst detailgetreu als eine Figur aus einem Videospiel, einem Manga oder auch einem Spielfilm. Die Kostüme sind in der Regel überaus aufwendig gestaltet und oft in liebevoller Handarbeit selbst entworfen und genäht. Zum überwiegenden Teil sind es junge Frauen, die so ihre Fantasie ausleben. „Es geht dabei um die Identifikation mit dem Helden, dem Wunsch, sich zu verkleiden und eine andere Identität anzunehmen sowie um Kreativität“, erklärt Lange. Bei dem Festival führen erfahrene Cosplayer Interessierte in ihr Hobby ein und stellen eine Grundausstattung von Materialien und Kostümen bereit.

Spiele wie Lesungen

Ums Selbermachen geht es auch bei dem Einsteiger-Programmierworkshop „Make your own Game“. Hierbei lernen die Teilnehmer erste Schritte der Programmierung und können ein kleines Spiel im Pac-Man Stil entwerfen.

Das Spielen anderer ist selbst zu einem Happening geworden. Die Moderatoren Gronkh und Sarazar filmen sich dabei, wie sie Computerspiele spielen und bewerten. Mehrere Millionen Mal wurden ihre Videos bei Youtube schon angeklickt. Beliebt sind auch die Speedruns. Dabei versuchen Spieler, so schnell wie möglich ans Spielende zu kommen. Das wird live im Internet übertragen und erreicht mehrere Tausend Zuschauer. Beim „Charity Gaming Marathon“ sammeln Speedrunner Spenden für die Arbeit der Kindernachsorgeklinik Berlin-Brandenburg.

Dass Literatur und Computerspiele Überschneidungspunkte haben, zeigen zwei andere Veranstaltungen. Bei den sogenannten Spielungen am Sonntag werden Computerspiele wie bei einer Lesung präsentiert. Ein Entwickler erklärt auf Nachfragen eines Moderators sein Spiel. Einzelne Passagen werden dem Publikum vorgespielt. Und bei der ebenfalls am Sonntag stattfindenden „Nacht des nacherzählten Computerspiels“ kämpfen Teilnehmer darum, wem die beste Geschichte zu einem Spiel seiner Wahl einfällt. „Wir leben in einer spannenden Zeit. Gerade durch die massiven Verbreitung von Smartphones mit GPS wird die real-physische mit der virtuellen Welt verschränkt“, sagt Andreas Lange. Und das zeige sich auch beim Spielen.

Gamefest im Computerspielemuseum
http://gamefest.computerspielemuseum.de/