Was soll der Amsterdamer in Amsterdam, wenn da nichts los und es außerdem gefährlich ist? Geschlossene Restaurants in der Innenstadt. 
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AmsterdamSelten habe ich eingeborene Amsterdamer in meinem Umfeld so interessiert gesehen wie derzeit, wenn das Gespräch auf die langweiligen Herkunftskäffer ihrer zugezogenen Freunde kommt. Bewohner des Grachtengürtels – also jenes Zirkels Amsterdams innerhalb der Prinsengracht – wird man entweder durch Geburt, also wenn man beispielsweise Erbe eines herrschaftlichen Grachtenhauses ist, oder man hat es in der Wirtschaft, Politik oder Medien zu Rang und Namen gebracht. Grachtengürtelbewohner führen ein von normalen Niederländern entrücktes Dasein und verachten normalerweise demonstrativ alles, was sich in der barbarischen Wildnis der Vororte, oder schlimmer noch: außerhalb der Metropolregion Randstad, abspielt.

Mit Berlin-Mitte und dem Rest Deutschlands ist das ja nicht unähnlich, wobei der Nimbus für mich einen blinden Fleck hat, weil ich bei „Berlin-Mitte“ immer zuerst an die Wohnblöcke auf der Fischerinsel denke. Jedenfalls: Seit die Corona-Infektionen in den Niederlanden vor allem in den Großstädten Amsterdam, Rotterdam, Den Haag und Utrecht unkontrolliert in die Höhe schießen, umgibt so stinknormale Provinznester wie Sluis, Ooststellingwerf oder Pekela plötzlich der Zauber eines Arkadiens hinterm Deich, in dem sich Tod und Elend entfliehen ließe.

Jott-we-de ist the place to be; wer gerade noch Hinterwäldler war, ist nun schon Trendsetter und jeder, der irgendeine Immobilie auf der grünen Wiese sein Eigen nennen kann, richtet dort sein Home-Office ein und berichtet den Kolleginnen ab und an mal per Zoomkonferenz, dass die Zucchinis nun erntereif seien. Wie in dem Geländespiel von früher ist der Großstadtasphalt nun Lava, und das gilt ausnahmsweise mal für Deutschland genauso wie für Holland. Als Betonblümchen hat man es zurzeit nämlich auch in Berlin, München, Frankfurt und Köln nicht leicht. Corona verhält sich im Grunde wie eine Einser-Abiturientin, nennen wir sie Corinna, deren erstes Unisemester gerade beginnt: die Viadrina in Frankfurt/Oder mag ja toll sein, aber es zieht sie doch in die Ballungszentren. Wenn der Alkohol fließt, muss man weder Corona noch Corinna lange bitten. Beiden liegt förmlich die Welt zu Füßen. Nur die Einsamkeit macht ihnen manchmal richtig schwer zu schaffen.

Auch ich probiere gerade, meine Verpflichtungen und Fluchtbewegungen grazil an Brandherden vorbei zu manövrieren und dabei keine Infektionswege zu kreuzen. Wohin mein Weg in die Abgeschiedenheit führt, ist bei mir immer schnell klar, denn wenn Großstadtboden tatsächlich Lava wäre, würde ich in Salzwedel, der kleinen Stadt in der Altmark, in der mein Haus steht, trotzdem eine Übergangsjacke einpacken, weil es ja abends doch schon recht frisch wird, so ganz ohne lodernde Metropolen. Übrigens liegt keine andere deutsche Kreisstadt weiter von allen Autobahnen entfernt als Salzwedel, was sie auch hochoffiziell als jott-we-de adelt. Auf meinem Rückweg aus der Abgeschiedenheit strandete ich versehentlich im ostfriesischen Aurich, sozusagen der jott-we-de-Westausführung, oder auch größten Kreisstadt Deutschlands ohne eigenen Bahnhof. In meinem Kopf verknüpfe ich Ostfriesland und Altmark seitdem zu einer Art wiedervereinigtem Arkadien. Friedlich, konstantes Übergangsjackenwetter und für Corinna viel zu einsam. Aber vielleicht sind die Pastinaken bald reif zur Ernte.