Unsere Autorin Martina Doering (schwarze Hose, weiß-beiges Shirt) trabt an der Seite von Initiator John Kupferschmidt  (Mitte, schwarze Hose, schwarze Jacke).
Foto: Sabine Gudath/Berliner Zeitung

Berlin-CharlottenburgEs ist für eine Lauf-Anfängerin vielleicht nicht gerade der günstigste Tag für ein solches Experiment. An diesem Tag im Februar ist es recht kühl und windig, der Himmel grau und trüb, Regen ist angesagt. Die geplante Strecke ist immerhin mehr als 20 Kilometer lang, rund drei Stunden sind dafür angesetzt. Das heißt, die Truppe ist nicht so schnell; denn es geht ums „Langsamlaufen“ – aber das ist, wie sich zeigen wird, relativ.

„Wir laufen bei jedem Wetter“, hatte John Kupferschmidt auf die vorsichtige Nachfrage mit Blick auf den wolkenverhangenen Himmel gesagt, und tatsächlich warten etwa 30 Leute vor der S-Bahnstation Heerstraße, dem Treffpunkt an diesem Tag. Alle tragen gute Laufschuhe und Funktionskleidung. Es ist eine bunt gemischte Truppe. Es sind Frauen und Männer, Rentner und Studentinnen, manche offensichtlich drahtig und gut trainiert, andere eher klein und rund. Die Teilnehmer kommen aus Weißensee, Schöneberg, Frohnau und sogar Hennigsdorf im Nordwesten Berlins.

Service

  • Termin: John Kupferschmidts spezielle Laufgruppe (LG) trifft sich jeden ersten Sonntag im Monat um 9 Uhr. Die Teilnahme ist kostenlos, für die Verpflegung auf halber Strecke wird um einen freiwilligen Beitrag gebeten. Mehr Infos auf der Website  der LG Mauerweg unter lgmauerweg.de/ langsam-laufen-mit-john  
  • Voraussetzungen: Prinzipiell kann jeder mitmachen. Etwas lauftrainiert sollte man jedoch sein, also regelmäßig kürzere Strecken absolvieren, dabei auch ein paar Minuten Gehen einlegen.    
  • Ausrüstung: Als Kleidung wird das Tragen mehrerer Schichten übereinander empfohlen. Funktionswäsche transportiert die Feuchtigkeit vom Körper weg. Die Laufschuhe müssen eingelaufen sein.

Sie legen ihre Taschen und Jacken in ein Auto, in dessen Kofferraum sich schon Kisten und Flaschenkästen befinden. John Kupferschmidts Frau Christiane wird mit diesem Auto vorrausfahren und auf halber Strecke den Tisch decken, also einen Verpflegungspunkt einrichten. Das sei, so erklären einige schon voller Vorfreude, immer ein Höhepunkt des Tages.

Im November 2013 gegründet

John Kupferschmidt begrüßt unterdessen die Mitläufer und heißt auch einige Neulinge in der Gruppe willkommen. Früher sei er normal gejoggt, erzählt Kupferschmidt,  und  Marathons unter vier Stunden gelaufen. Er habe Basketball und Fußball gespielt und Triathlons absolviert. Doch dann bekam er Probleme mit dem Rücken. „Ich wollte mich aber weiterhin bewegen, möglichst mit anderen laufen und Spaß dabei haben“, erzählt der 60-Jährige. Im November 2013 hat er dann im Rahmen des Vereins Laufgemeinschaft Mauerweg Berlin seine Gruppe „Langsam laufen“ gegründet.

John Kupferschmidt, 60, und Nina Blisse, 40, bei den Startvorbereitungen Sabine Gudath
Foto: Sabine Gudath/Berliner Zeitung

Die Durchschnittsgeschwindigkeit beim Joggen, erklärt John Kupferschmidt, liege bei etwa zehn bis zwölf Kilometer pro Stunde, beim „Langsam laufen“ dagegen zwischen sieben und acht Kilometer pro Stunde. „Wir wollen nicht hetzen, man soll sich dabei noch möglichst entspannt unterhalten können“, sagt er. „Und wir warten auch, wenn einer zurückbleibt.“

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Das ist, wird sich zeigen, auch nötig. Denn als es schließlich losgeht, merkt die ansonsten einigermaßen sportliche Mitläuferin ziemlich schnell, dass ein bisschen Vorbereitungstraining nicht von Schaden gewesen wäre. Die Strecke führt zügig entlang einer Gartenkolonie, am Olympiastadion vorbei und dann durch den Wald. Das Tempo ist ziemlich flott, die Puste schon eine Weile knapp und an Unterhaltung nicht zu denken. Mitzuhalten und nicht hoffnungslos zum Schlusslicht zu werden, braucht alle Kraft.

Die meisten der anderen laufen unterdessen – zu zweit oder in kleinen Gruppen – wirklich entspannt, reden fröhlich miteinander und informieren sich zum Beispiel über anstehende Läufe. Einer trainiert zum Beispiel für den Rennsteiglauf.

Joggen

Der erste Jogging Club wurde 1961 in Neuseeland gegründet, von wo aus sich diese Bewegungsart verbreitete.  Jogging wirkt sich positiv auf die allgemeine Fitness aus, stärkt das Herz-Kreislauf-System und ist zu einer sehr verbreiteten Form des Ausdauersports geworden. Beim Jogging werden jedoch Fuß- und Kniegelenke stark belastet. Beim Laufen gibt es zwangsläufig Phasen, in denen kein Fuß den Boden berührt, sogenannte Flugphasen. Eine gebräuchliche Definition ist jedoch auch, dass der Unterschied zwischen Laufen und Joggen das Tempo sei. Der Läufer ist – wenn es nicht dezidiert ums Langsamlaufen geht – schneller unterwegs als der Jogger.
 

Vor kurzem wurde Langsamlaufen als „Slow jogging“ von einem Hochglanz-Magazin als neuer Sporttrend vorgestellt. Dieser langsame Ausdauerlauf sei in den 80er-Jahren von einem japanischen Sportphysiologen erforscht worden. Die Schritte seien kürzer als beim normalen Joggen, das Tempo langsamer, und zudem sei der Laufstil anders: Der Fuß werde nicht mit der Ferse, sondern dem Mittelfuß aufgesetzt, was die Gelenke schone. Die Bewegungsart sei für alle geeignet, heißt es. Doch dass die Teilnehmer hier an Ferse oder Mittelfuß denken, ist eher unwahrscheinlich.

Zwischendurch: Stullen und Kuchen

Wir laufen nun schon eine gute Stunde, haben den Glockenturm passiert und sind auf dem Waldweg leichte Steigungen hoch und wieder runter. Da lässt John Kupferschmidt die Truppe mit seiner wegkundigen Assistentin Nina allein, biegt auf einen Pfad ein und nimmt eine Abkürzung. Mit ihm eine ältere Dame, die aus Gesundheitsgründen nicht mehr die ganze Strecke schafft, sowie die Anfängerin, die endgültig die Puste verliert.

Höhepunkt des Laufes: die Verpflegungsstation mit Stullen und Kuchen, liebevoll angerichtet von Christiane Kupferschmidt. 
Foto: Sabine Gudath/Berliner Zeitung

Auch auf der Abkürzung jedoch geht es weiter im zügigen Schritt, bis Frau Christiane, ihr Auto und vor allem der inzwischen aufgebaute Versorgungspunkt erreicht sind: Auf Campingtischen stehen ein Tablett mit Schmalz-, Käse- und Salamistullen, Obst und kleine Süßigkeiten, ein Blech mit Kuchen, ein Behälter mit heißem Wasser für Tee sowie Erfrischungsgetränke. Etwa eine halbe Stunde später treffen dann schließlich auch die anderen ein, die immer noch – was man neidvoll zugeben muss – sehr entspannt aussehen.

Wir laufen bei jedem Wetter.

John Kupferschmidt, Initiator der Langsam-Laufen-Gruppe

Nach dieser Pause werden Tische und Geschirr wieder in dem Auto verstaut, das Frau Christiane zum Ziel fährt, während die Läufer zum letzten Laufabschnitt von weiteren rund zehn Kilometern aufbrechen. Eine zweite Abkürzung bringt jedoch John Kupferschmidt und seine Abkürzungstruppe entlang der Heerstraße und über durchaus noch einige Kilometer wieder zurück zum Start, der S-Bahn-Station Heerstraße. Dort treffen nach gut einer weiteren Stunde auch die anderen ein.

Nach Luft ringend im Ziel

Beate hat den Lauf in guter Verfassung geschafft, sie ist schon seit 2014 dabei. Die 53-Jährige habe damals mit dem Rauchen aufgehört, erzählt sie, und ihr Gewicht halten wollen. Herbert ist 60 Jahre alt, absolviert seit 40 Jahren Marathons, hat die Gruppe vor drei Jahren entdeckt und sieht es als gutes Training für die Marathons, an denen er noch teilnehmen will. Miriam ist zum ersten Mal dabei und will sich auf den Berliner Halbmarathon im April vorbereiten – wofür sie aber noch intensiver trainieren müsse, meint sie, am Ziel zwar nach Luft ringend, aber zufrieden.

John Kupferschmidt legt die Strecke für die Läufe fest, sucht dafür landschaftlich schöne Wege von 20 bis 25 Kilometer Länge aus, wechselt die Stadtbezirke für den Startpunkt, und dann treffen sich jeden ersten Sonntag im Monat 30 bis sogar 40 Leute, um mitzulaufen. Heute waren es 22 Kilometer, für die die Teilnehmer gut drei Stunden mit Pause gebraucht haben. Alle – auch die neue Mitläuferin – wollen beim nächsten Mal wieder dabei sein.

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