Samstagmittag, 30 Grad, vor der Tür des Sommerbads im Humboldthain stehen Menschen Schlange. Mittendrin eine 14-Jährige, im Gepäck hat sie einen schwarzen Burkini. Früher ging sie leichter bekleidet schwimmen, sagt sie, seit ihrem 14. Geburtstag trägt sie den Ganzkörperanzug mit Kopfbedeckung.

„Am Anfang war das schon komisch, aber jetzt habe ich mich daran gewöhnt“, sagt die Schülerin. Schiefe Blicke erntet sie in dem Sommerbad in Gesundbrunnen nicht. Hier gibt es einige verhüllte Frauen, der Migrationsanteil im Viertel liegt bei knapp 60 Prozent.

Während in Frankreich heftig über ein Verbot von Ganzkörper-Badeanzügen für Musliminnen debattiert wird, scheint Berlin relativ gelassen. „Die ganze Diskussion ist doch eh Schwachsinn“, sagt die 26-jährige Christina. Sie sitzt mit ihrer Freundin Vanessa auf der Liegewiese neben dem Becken. „Ob jetzt jemand nackt oder im Burkini badet, ist mir total egal“, sagt Christina. Was dem Badebetriebsleiter Thomas Lacke allerdings nicht egal ist, sind Straßenklamotten. „Wer hier so baden geht, wird sofort verwiesen“. Straßenkleidung ist aus hygienischen Gründen nämlich verboten.

Burkini statt Leggins

Das hat auch die 14-jährige Schülerin mit dem Burkini schon zu spüren bekommen. Eine Woche zuvor war sie schon mal zum Baden da, allerdings in Leggins, langärmligen T-Shirt und Kopftuch. Als sie ins Wasser ging, wurde sie vom Bademeister herausgeholt. Ihre Mutter besorgte ihr daraufhin einen Burkini. 20 Geschäfte klapperte sie in ganz Berlin ab, am Rathaus Neukölln wurde sie schließlich fündig, erzählt sie. „Burkinis gibt es auch im Internet, aber das dauert dann zwei Wochen.“ Doch bis dahin wären ja die Ferien vorbei gewesen – und ohne Ganzkörperverhüllung zu Baden scheint ihr unvorstellbar.

Während im Bad am Humboldthain nur einige Frauen verschleiert schwimmen gehen, sind es im Neuköllner Columbiabad viele mehr. Unter ihnen Amal El-Katta. Die 47-Jährige ist mit ihren unverschleierten Freundinnen gerade auf dem Weg zum Wasserbecken. Seit einigen Jahren verschleiert sie sich aus religiösen Gründen. Baden möchte sie trotzdem, ihr Sohn habe ihr deshalb den schwarzen Burkini bei Amazon bestellt. Die Verbote in Frankreich und die Diskussion in Deutschland findet die Palästinenserin „zum Kotzen.“ „Je mehr Anschläge es gibt, desto mehr werden alle in einen Topf geworfen“.

Weder über Burkinis noch über muslimische Frauen, die Straßenkleidung tragen, hat Lacke vom Bad im Humboldthain Beschwerden erhalten. Sein Team zieht zwar jeden Tag falsch gekleidete Schwimmer aus dem Wasser, Musliminnen sind davon aber nur ein kleiner Teil. „Wir haben hier genauso die deutsche Oma, die lieber angezogen schwimmen geht.“, erzählt Lacke. Die meisten Probleme machen aber Gruppen von Jungs, die unter der Badeshorts noch eine Unterhose tragen. „Die finden es cool, wenn über der Badehose noch der Gummizug vom Schlüpper mit Tommy Hilfiger-Aufschrift rausguckt.“

Dem Leiter ist wichtig, das es in seinem Bad hygienisch zugeht: Badeklamotten und saubere Sportkleidung sind ok, Baumwolle eigentlich nicht. Eigentlich, denn im Becken schwimmen zwei Mädchen mit Kopftüchern. „Naja“, sagt Lacke, „die Badebekleidung an sich ist ja in Ordnung“ und zuckt mit den Schultern. Es ist also doch irgendwie Ermessenssache.

Im Columbiabad in Neukölln steigen weitaus mehr Menschen, vor allem jugendliche Mädchen, in Straßenkleidung aus dem Becken. Natürlich habe man hier die selben Vorschriften, sagt einer der Bademeister. „Aber wenn ich alle Verstöße ahnden wollen würde, müsste ich wie ein D-Zug um die zwei Becken rennen.“

Integrations-Hindernis Burkini?

Burkinis sind für Lacke ein wichtiger Schritt zur Integration. Zusammen mit einer Grundschule neben dem Bad habe er vor acht Jahren durchgesetzt, dass Mädchen bekleidet zum Schwimmunterricht kommen können: „Es ist doch unfair, die Mädels davon auszuschließen, nur weil die Eltern nicht wollen, dass sie Badeanzüge tragen.“ In seiner Kiezbadewanne, wie er das Sommerbad nennt, soll jeder einen Platz haben. „Bei den olympischen Spielen waren doch auch viele Sportlerinnen verschleiert.“, sagt er. Die Bilder gingen um die Welt, beschwert habe sich niemand. „Das hat doch eigentlich ein positives Zeichen gesetzt.“