Garnisonkirche: Der Startschuss für den Turmbau zu Potsdam fällt

Erwartungsfroh blickt Wieland Eschenburg auf die Baustelle in Potsdams historischer Mitte, direkt an der Hauptverkehrsstraße der Innenstadt. „Nun heißt es endlich nicht mehr: Wir wollen wieder aufbauen, sondern: Wir werden wieder aufbauen - und ihr könnt euch alle daran beteiligen!“, sagt der Sprecher der Stiftung Garnisonkirche.

Ein gutes Vierteljahrhundert haben Eschenburg und viele Mitstreiter auf den Baustart für den knapp 90 Meter hohen Turm der Garnisonkirche mitten in Brandenburgs Landeshauptstadt hingearbeitet. Aus Sicht der Bundesregierung ist es ein „Projekt von nationaler Bedeutung“, es spaltet jedoch die Einwohnerschaft und teils auch die Evangelische Kirche. Das im Krieg schwer beschädigte Gotteshaus war 1968 auf Geheiß der DDR-Führung gesprengt worden.

Demonstration gegen die „Barock-Al-Quaida“

Am kommenden Sonntag soll der offizielle Baubeginn mit einem Festgottesdienst auf der Baustelle gefeiert werden. Die Gegner vornehmlich aus der linken und kreativen Szene, die sich mit rund 30 Initiativen in dem Bündnis „Stadtmitte für Alle“ zusammengeschlossen haben, wollen dann gegen den sogenannten Turmbau zu Potsdam demonstrieren. Die Anspielung auf den biblischen Sündenfall zu Babel ist noch die harmloseste Schmähkritik - andere sehen eine „Barock-Al-Quaida“ am Werk, die im modernen Potsdam das Garnisonstädtchen des Alten Fritz wiederaufleben lassen wolle.

„Auf der Suche nach der alten Identität von Preußen-Brandenburg wird unkritisch die Garnisonkirche wiederaufgebaut, als neues nationales Denkmal“, schimpft der Sprecher des Bündnisses, André Tomczak. Schon das Stadtschloss wurde rekonstruiert - nicht als vormalige monarchische Residenz, sondern als Sitz des demokratisch gewählten Landtags. „Potsdam gerät so zu einer Art Themenpark“, kritisiert Tomczak.

Direkt gegenüber vom Landtag beginnt gleichzeitig mit dem Aufbau der Garnisonkirche der Abriss der alten Fachhochschule, einer ebenfalls stark umstrittenen architektonischen Hinterlassenschaft aus DDR-Zeiten. Dort sollen wieder Bürgerhäuser mit teils historischen Fassaden entstehen. „Mit dem Stadtbild wird das gesamte Gefüge der Stadt verändert“, urteilt Tomczak, der von Haus aus Kunsthistoriker ist. „Es geht darum, ob es dort gesellschaftliche Begegnung gibt oder nur noch schickes Essengehen und teures Wohnen.“

Die Bundesregierung fördert den Turmbau der Garnisonkirche mit zwölf Millionen Euro, auch die Evangelische Kirche gibt Darlehen in Höhe von fünf Millionen Euro. Doch auch innerhalb der Kirche regt sich Widerstand. Für die Initiative „Christen brauchen keine Garnisonkirche“ stand das Gotteshaus für eine Kirche, die „auf politische Weisung Krieg predigte“.

„Stark geschöntes Bild der Geschichte“

Die Initiative verweist auch auf den „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933, als Reichspräsident Paul von Hindenburg dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler in der Garnisonkirche die Hand reichte und damit „das verheerende Bündnis zwischen konservativem Bürgertum, preußischem Militär und Nazi-Führung mit kirchlichem Zeremoniell besiegelt wurde“.

Während der Kaiserzeit seien in der Kirche junge Soldaten auf Dienst bis in den Tod eingeschworen worden, erinnert die Martin Niemöller Stiftung. Ihre Rolle in der Weimarer Republik als Tummelplatz rechtsextremer Organisationen werde von der Stiftung relativiert. Vermittelt werde nun „ein stark geschöntes Bild der Geschichte.“

Eschenburg ficht dieser Widerstand nicht an. Inzwischen habe sich die Garnisonkirche der internationalen Versöhnungsarbeit verschrieben, betont der Stiftungssprecher. Und der Wiederaufbau sei gerade wegen der wechselvollen Geschichte des Gotteshauses notwendig. „Wir sind der Überzeugung, dass wir Orte brauchen, wo Geschichte diskutiert wird“, meint der Stiftungssprecher. „Wo nichts mehr ist, können auch keine Fragen mehr gestellt werden.“

Unterstützt wird Eschenburg von Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD). „Der Wiederaufbau des Garnisonkirchenturms steht im Zeichen der Friedens- und Versöhnungsarbeit und ist verbunden mit der Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit der Geschichte“, meint Münch. „Als Lernort kann der Garnisonkirchenturm dazu beitragen, Geschichte zu begreifen.“

Millionen-Spenden für den Turm

Die Gegner sehen indes ganz andere Interessen am Werk. Denn der Neubau von Potsdams historischer Mitte wird auch von der Initiative „Mitte Schön“ - bestehend aus meist wohlhabenderen Bürgern - unterstützt, die den Abriss der Fachhochschule bereits mit einem öffentlichen Dinner feierten.
„Die Reichen kaufen sich die Stadt“ argwöhnen daher Aktivisten aus der linken Szene und verweisen darauf, dass der Software-Milliardär Hasso Plattner schon mehr als 20 Millionen für das Landtagsschloss spendierte. Anschließend durfte Plattner in unmittelbarer Nachbarschaft das Palais Barberini als privates Kunstmuseum wiedererrichten und wurde Ehrenbürger der Stadt. Auch Fernsehmoderator Günther Jauch spendete Millionen für das Landtagsschloss und den Garnisonkirchen-Turm.

Doch trotz aller öffentlichen Zuschüsse und privater Spenden hat die Stiftung die Kosten für den Turm noch nicht zusammen - vom Kirchenschiff ganz zu schweigen. Finanziert sind bislang nur gut 26 Millionen für eine Rumpfversion ohne den barocken Zierrat, für die Fertigstellung sind mindestens weitere zehn Millionen Euro notwendig.

„Doch wenn sich hier erstmal die Kräne drehen, werden die Spenden auch weiter fließen“, hofft Eschenburg. Einen Spendenkatalog gibt es online: Damit können sich Bürger mit Ziegelsteinen für mindestens 50 Euro bis hin zur Läuteglocke für 750.000 Euro am Wiederaufbau beteiligen. Die Kapelle mit Orgel für zwei Millionen Euro ist schon vergeben. (Klaus Peters, dpa)