Berlin - „Eigentlich dürften wir hier draußen gar keine Ware präsentieren. Aber ehrlich gesagt, ist mir das inzwischen auch egal. Die Pflanzsaison hat begonnen, und ich weiß nicht, wie das sonst gehen soll“, sagt Susanne Igel, die in der Kalckreuthstraße in Schöneberg einen in der Nachbarschaft beliebten Blumenladen namens Calendula führt. Sie findet die ganze Situation „einfach nur noch doof“, kann nachvollziehen, dass ihre Kunden teils mit Unverständnis darauf reagieren, wenn man sich durchs Schaufenster einen Überblick über das aktuelle Warensortiment verschaffen soll.

„Das alles ist wirklich anstrengend“, sagt sie über den kleinen Verkaufstisch vor ihrem Laden hinweg, klagt darüber, dass die Kollegen in Brandenburg ihre Geschäfte bereits ab dem 1. März wieder für den Publikumsverkehr öffnen dürfen, und fordert: „Spätestens am 8. März muss der Lockdown für uns ein Ende haben. Bis dahin können wir uns vielleicht noch über Wasser halten.“ Der Türverkauf rechne sich auf Dauer nicht. „Wir wollen wieder aufmachen, einen normalen Betrieb haben, soweit das nur irgendwie möglich ist.“

Bewegung in den Blumen- und Gartenhandel bringt ab Anfang März unter anderem Brandenburg, wo Gartenfachmärkte, Gärtnereien, Blumengeschäfte und Baumschulen wieder für Privatkunden öffnen dürfen. Sachsen-Anhalt und Bayern gehen noch einen Schritt weiter und genehmigen dann auch in Baumärkten den Zutritt für Kunden. Berlin ist eines der Bundesländer, das bei all dem außen vor bleibt.

„Berlin legt sich selbst Fesseln an“

„Derzeit erarbeiten wir Öffnungsschritte für den Einzelhandel“, sagte Matthias Borowski, Pressesprecher des Senats für Wirtschaft, Energie und Betriebe, der Berliner Zeitung. „Berlin hält sich als MPK-Vorsitzland an die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz, diese wird nächste Woche sicherlich Öffnungsperspektiven aufzeigen.“ Bis dahin sei weiterhin Click and Collect möglich, so Borowski.

Für Nils Busch-Petersen kommt diese Antwort keineswegs überraschend. Brandenburg halte die Beschlüsse der MPK nicht für die Heilige Schrift und interpretiere sie im Rahmen der Möglichkeiten. „Berlin legt sich selbst Fesseln an, weil sie Vorsitzland in der MPK sind. Ich habe kein Verständnis dafür, dass Berlin sich in dieser Sache selbst kasteit“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Berlin-Brandenburg. Als klar war, dass Brandenburg diesen Weg geht, habe man beim Berliner Senat dringend nachgesucht, sich auch in der Hauptstadt anzupassen. „Es ist für mich unerträglich, dass unsere Kaufleute in Berlin für das Versagen der Politik bei der Pandemiebekämpfung zahlen“, sagt Busch-Petersen.

Manuela König vom Blumenladen Blumenkönigin in Pankow bezeichnet die Berliner Defensive in Sachen Öffnungen als „Frechheit“. Für sie sei nicht mehr nachvollziehbar, dass die einen öffnen dürfen und andere wiederum nicht. „Supermärkte und Discounter fahren ihr Blumenangebot hoch und wir mit unserem Abholservice stehen doof daneben“, sagt König. Dieser Service und ein Selbstbedienungsbereich draußen vor dem Geschäft sichern momentan ihre Existenz. Geöffnet werden müsse dennoch. „Aber dann bitte auch ganz und mit keiner Begrenzung des Sortiments.“

Eine etwas andere Meinung vertritt Jana Burkert. „Kein Blumenladen in Berlin bräuchte sich zu beschweren. Jeder hätte etwas aus der Situation machen können“, sagt die Geschäftsführerin des Blumenladens Gänseblümchen in Köpenick. „Wir kommen mit allem klar.“ Ein Grund sei der gut florierende Abholservice. Kunden, die bei ihr Pflanzen kaufen wollten, bekämen sie „so oder so“ weiterhin bei ihr. Nur eben auf Bestellung. Fast klingt es so als freue sich Burkert ein wenig für die Brandenburger. „Sie haben dann eben das, was die Berliner am Reformationstag haben. Da kommen die Brandenburger immer nach Berlin.“

Kunden sollen vereinzelt kommen und zielgerichtet einkaufen

Nun könnte es umgekehrt sein, wenn die Berliner für ihr Blumen- und Gartenzubehör nach Brandenburg aufbrechen. Dabei liegen die Abstände zwischen zwei Gartencentern ein ums andere Mal dichter zusammen als man denken würde. Während das Gartencenter Pflanzen-Kölle im Havellandpark öffnen darf, bleibt das nur 4,5 Kilometer entfernte Gartencenter Der Niederländer am Brunsbütteler Damm in Spandau geschlossen. Eine ähnliche Situation zeigt sich im Berliner Süden, wo der Obi-Markt in der Goerzallee in Steglitz dicht bleibt, während vier Kilometer weiter wiederum Pflanzen-Kölle in Teltow seine Türen öffnet.

Über diese mögliche Art des Einkaufstourismus ist man bei Hornbach weniger glücklich. Das Unternehmen, das im Berliner Großraum neun Baumärkte betreibt, hätte eine bundesweit einheitliche Regelung begrüßt. „Wir wollen, dass in unseren Märkten die Abstände eingehalten werden. Wir wollen aber auch verhindern, dass die Kunden lange warten müssen“, sagt Pressesprecher Florian Preuß. Bei Hornbach wünsche man sich, dass die Leute möglichst vereinzelt kämen, zielgerichtet einkaufen würden und vielleicht keine allzu langen Anfahrten aus anderen Bundesländern in Kauf nähmen.

Darüber hinaus müsse man in jedem Bundesland einzeln schauen, was genau möglich sei. In Brandenburg beispielsweise sollen die Baumärkte noch nicht öffnen dürfen, jedoch die Gartenfachmärkte. „Wenn es sich abzeichnet, dass es so kommt, trennen wir unsere Gartencenter vom Baumarktsortiment ab“, sagt Preuß. Dafür zu sorgen, dass sich Kunden dann nur im Gartenbereich bewegen, sei das geringste Problem.

Unter Brandenburger Händlern zeigt man sich aufgrund der unterschiedlichen Auslegung in Berlin und im eigenen Bundesland nicht sonderlich erfreut. „Grundsätzlich ist jeder Kunde bei uns willkommen“, sagt Matthias Baumert vom Gartencenter Baumert in Nauen. „Dass die Gartenfachmärkte in Berlin geschlossen bleiben sollen, ist nicht gut, weil dadurch ein Reiseverkehr einsetzen wird.“

Damit rechnet auch Christian Buba von Gartenbau Buba im Bezirk Potsdam. „Wir liegen drei bis vier Kilometer von der Berliner Stadtgrenze entfernt. Aufgrund dieser Lage ist davon auszugehen, dass es einen großen Andrang in Berlin gibt.“ Buba würde es begrüßen, wenn auch die Berliner Betriebe öffnen könnten.

Thomas Buchenau vom Verband Deutscher Garten-Center mit Sitz in Rheinland-Pfalz ist unterdessen der Innenverkauf ein Anliegen. „Wir können die 20 Quadratmeter Abstand pro Kunde gewährleisten, weil die Märkte bundesweit entsprechend viel Fläche zur Verfügung haben.“ Egal ob es zusätzliche Trennwände an den Kassen seien, um die Menschen voneinander zu separieren oder ob es die Desinfektion an jedem Einkaufswagen ist: „Jeder Baumarkt arbeitet momentan mit Leidenschaft an der Umsetzung des Hygienekonzepts.“