Das deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz zeichnet an diesem Montag eine Fernsehreportage über das Berliner Gaslicht mit dem Journalistenpreis aus. Der Preis wird am Nachmittag im Museum für Kommunikation an den RBB-Journalisten Jürgen Gressel-Hichert vergeben. Bertold Kujath, Mitbegründer des Vereins Gaslicht-Kultur, findet das prima. Wir treffen uns mit ihm an der Charlottenburger Knobelsdorffstraße, wo besonders viele Gaslaternen stehen.

Herr Kujath, warum setzen Sie sich so für die Gaslampen ein? Sind die nicht einfach nur unmodern, energieverbrauchend, teuer im Betrieb?

Man kann nicht unsere gesamte Kultur lediglich aus dem Portemonnaie erklären. Berlin besitzt mit seinen 42.000 Gaslaternen und der Typenvielfalt ein Alleinstellungsmerkmal. 1892 kam die Schinkelleuchte auf, ungefähr 1906 die Hängeleuchten, in den 1920er Jahren die Aufsatzleuchten, nach dem Krieg die Reihenleuchten. Und dann gibt es sogar noch die Neuentwicklung aus den frühen 2000er-Jahren unter anderem in Gatow. Damals wollte der Senat die Gasbeleuchtung noch ausbauen – jetzt reißt er sie ab. Dabei hat auch die Denkmalpflegeorganisation Europa Nostra gesagt: Das ist ein schützenswertes und einmaliges Kulturgut. Die Technologie kommt aus Berlin, die Lampen wurden bis nach Buenos Aires exportiert. Ein leuchtendes Zeugnis der Zeit, als Berlin ein Zentrum der europäischen Gasindustrie war. Es gibt inzwischen ein Gutachten, das der Berliner Gasbeleuchtung das Potenzial zum Weltkulturerbe bescheinigt und der World Monuments Fund hat sie auf die Liste der weltweit am meisten gefährdeten Kulturgüter gesetzt. Genug Gründe, oder?

Am Montag bekommt Jürgen Gressel-Hichert den Journalistenpreis des Deutschen Nationalkomitees für Denkmalschutz. Finden Sie das gut so?

Das freut uns wirklich. Damit wird nicht nur eine tolle Reportage ausgezeichnet, sondern es zeigt auch, dass weit über Berlin hinaus die Gasbeleuchtung längst als nationales Denkmal anerkannt ist. Aber auch die Elektro-Industrie hat in Berlin ihre Geschichte. Gaslicht-Kultur tritt deswegen für das Miteinander der beiden Beleuchtungsformen ein.

Friedliche Koexistenz der Systeme …

Klar. Würde der Senat beschließen, alle Elektroleuchten durch Gaslampen zu ersetzen, würde ich sofort einen Verein Elektrolicht-Kultur gründen. Es geht um die Bewahrung einer Beleuchtungskultur und die Vielfalt in der nächtlichen Stadt.

Wie viele Straßenlampen – egal ob Gas oder Elektro – gibt es eigentlich insgesamt in Berlin?

Ungefähr 176.000 Elektrolaternen, 42.000 Gaslaternen.

Und die Gaslaternen stehen vor allem in West-Berlin?

In Ost-Berlin gibt es noch Inseln, etwa in Kaulsdorf-Biesdorf oder in Köpenick. Aber die Reihenleuchte ist schon ein West-Phänomen, ein Kulturgut der Teilungsgeschichte. Das Interesse daran ist aber gesamt-berlinisch: Unser 2. Vorsitzender ist aus dem Osten, viele andere auch. Die kennen das Licht oft kaum noch, weil die DDR Gasbeleuchtungen seit den 60ern abgerissen hat. Und sind umso begeisterter.

Wo wird denn derzeit besonders abgerissen?

In Lichterfelde, Spandau und in Frohnau. Es soll sogar im Winter durchgearbeitet werden. Je schneller der Abriss geht, desto mehr Glühstrumpfprämie in Millionenhöhe kassieren die Firmen extra. Da spielt es dann auch keine Rolle, dass die Baugruben beheizt werden müssen, weil die Elektrokabel nicht im kalten Boden verlegt werden können. Geheizt werden die Zelte übrigens mit Gas.

Hat der Senat eigentlich nach der Eintragung auf die Rote Liste reagiert?

Leider bisher nicht. Und wir vermissen auch die viel gerühmte Bürgernähe. Der zuständige Staatssekretär Christian Gaebler hat bisher noch nicht ein einziges Gespräch mit den Vereinen zustande gebracht. Wir versuchen zusammen mit dem Landesdenkmalamt derzeit, Denkmalbereiche festzulegen, wo die Gasbeleuchtung erhalten bleiben soll. Aber das von uns, von „Denk mal an Berlin“, dem Berliner Kuratorium der Deutschen Stiftung Denkmalschutz oder auch der Denkmalwacht Berlin-Brandenburg geforderte Abrissmoratorium gibt es immer noch nicht.

Inoffiziell sagt der Senat inzwischen, er will fünf Prozent der Gasbeleuchtung erhalten.

Offenbar sind die Proteste zu laut geworden, jetzt antwortet der Senat mit einer willkürlichen Zahl. Aber das ist die falsche Herangehensweise: Die Denkmalbehörden sollten frei entscheiden, wo das Gaslicht sinnvoll erhalten bleiben muss – und erst dann kann man die Prozente zusammen zählen. Aber das Landesdenkmalamt ist eben dem Stadtentwicklungssenator unterstellt – also genau derjenigen Institution, die den Abbruch vorantreibt.

Das Gespräch führte Nikolaus Bernau