Eigentlich schien alles klar. Google wollte sich im Herzen Berlins niederlassen und einen Campus eröffnen. Es gibt sie in dieser Art unter anderem bereits in London, Tel Aviv, Seoul und in Warschau. So weit, so klar, doch im Herzen Berlins stören sie sich am US-Konzern. Dabei wollte der doch nur ein bisschen Werbung machen.

Die Proteste, denen sich Google ausgesetzt sah, loderten nicht erst seit gestern. Bereits 2016 hatte das Unternehmen angekündigt, sich in Berlin zu engagieren. Die Gegner der Suchmaschine fanden sich schnell und firmierten fortan unter „Fuckoff Google“.

Googelt man nach den Gegnern des Campus, findet man die Positionen ziemlich schnell. Das Unternehmen entziehe sich EU-Recht, zahle keine Steuern, sei dazu an massenhafter Überwachung beteiligt und sorgt vor allem für noch höhere Mieten. Natürlich seien die von Google nicht die Guten, sondern die Bösen, weil sie ihr Geschäftsmodell dafür benutzen, Gewinne zu erzielen. Für so viel Verständnis von Unternehmergeist scheint kein Platz in Kreuzberg zu sein.

Bizarre Kreuzberger Realität

Leider wird dabei das gesamte Dilemma der Causa Google deutlich. Die politischen Verantwortlichen sowie das Unternehmen haben es nicht geschafft, die Menschen in Kreuzberg mitzunehmen und sie für den Google Campus zu begeistern.

Der Kreuzberger Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) verbuchte die Google-Absage sogar noch als Erfolg. Andere große und mittlere Unternehmen könnten es Google doch bitte gleichtun, schickte er sodann noch hinterher – bizarre Realität im Grünen-Kernland.

Schmidt spricht für eine radikale Minderheit. Diejenigen, die von Google profitiert hätten, sind zweifelsfrei in der Mehrheit. Sie sind eben vielleicht nur nicht so laut und eben zumeist nicht radikal.

Trauriger Höhepunkt übrigens: Die Besetzung des Hauses Mitte September. Hausbesetzungen scheinen ohnehin wieder salonfähig zu werden. Besonders die Grünen scheinen Gefallen am rechtsfreien Aufbegehren zu entwickeln, obschon sie in Berlin die Regierung stellen. Zwei Beispiele. Die Gerhart-Hauptmann-Schule: fünf Jahre besetzt. Hausbesetzung in Neukölln im Mai 2018: für die Grünen alles ganz normal.

Verweigerungshaltung hat Tradition

Ohnehin spielt Friedrichshain-Kreuzberg schon lange eine bizarre Rolle in puncto Google. Er lavierte sich in den Verhandlungen mit dem Online-Riesen mehr oder minder durch. Die Baugenehmigungen drohten gestrichen zu werden. Zu laut, zu eng, aber in Wahrheit zu neu?

Leider hat in Berlin diese Verweigerungshaltung bereits Tradition. Neues wird bekommt oft einen roten Stempel aufgedrückt: hoch gefährlich! Dabei könnte man dies zunächst als eine Chance für uns alle begreifen und nicht als Bedrohung für Partikularinteressen.

Was seit 2016 schwelte und eigentlich über der gesamten Google-Debatte thront, war und ist vor allem die diffuse Angst vor noch höheren Mieten. Seit mehr als 20 Jahren geht das mit der SPD, den Linken und den Grünen in der Stadt schon so. Das Kapitel Google dieser desaströsen Berlin-Geschichte ist vor allem eine ziemlich spießige. Nur nichts verändern im schönen Kreuzberg.

Ziemlich teure Marketing-Kampagne

Besonders die Mietfurcht ist vor allem eins: ziemlich pythisch. Wer sagt denn, dass aus Kreuzberg Googleland geworden wäre, in dem die Loft-Dichte besonders hoch ist? Tatsächlich leben Gründer besonders zu Beginn ihrer Unternehmung selten in Saus und Braus. Schauen Sie sich die Biografien der Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin an. Die beiden haben das Unternehmen vor mehr als 20 Jahren in einer Garage gegründet.

Die Gründer, die in Berlin ihre Unternehmung starten, haben vielleicht die Google-Biografie gelesen. Genau für diese Menschen, die noch ganz am Anfang stehen, wollte Google nach Berlin kommen. Der Campus ist vor allem eins, eine ziemlich teure Marketing-Kampagne des Unternehmens.

Mit dem Campus wollte das Unternehmen Gründern ein gutes Gefühl und die reelle Chance der Erreichbarkeit ermöglichen. Google lebt maßgeblich von der Digitalwirtschaft. Jedes Berliner Start-up, dessen geschäftliche Spielwiese das Internet im Allgemeinen und Google im Besonderen ist, wird sich irgendwann mit AdSense, AdWords oder Rankings beschäftigen müssen. So verdient Google Geld. Das Unternehmen hat also ein vitales Interesse daran, dass die klugen Ideen der Berliner Gründer in einem Unternehmen münden.

Eine Frage der Mentalität

Dass Google nun doch nicht in Berlin reüssiert, ist weniger eine Kapitulation als vielmehr eine Mentalitätsfrage. Im amerikanischen Narrativ des Tellerwäschers, der zum Millionär wird, geht es sodann auch um Bewunderung und die Rolle als Vorbild, es ihm gleichzutun.
Wieso sollte sich ein weltweit erfolgreiches Unternehmen in einer Stadt engagieren, in der der Nachbar hinterm Gartenzaun steht und dir alles Schlechte der Welt an den Hals wünscht?

Vom Google-Effekt hätten zudem auch viele Zulieferer und deren Dienstleister profitiert. Wirtschaft ist nämlich vor allem eines nicht – monokausal. Ein potentes Unternehmen hat zumeist eine ungeahnte Strahlkraft, die auf Zulieferer sofort und auf ähnliche Branchen mittelbar Anziehungskraft ausübt. Hier hätte Berlin quasi doppelt und dreifach profitiert.

Wachsen und lernen

Die Geschichte der Probleme Berlins mit neuen Ideen ist lang. Beispiel gefällig? Bereits mit Siemens waren die Verhandlungen über einen Campus in Siemensstadt zäh. Fast wäre der dortige Innovationscampus gescheitert, bevor er überhaupt in eine konkrete Planungsphase getreten wäre. Und im Sommer teilte die Lufthansa mit, sie werde ihr Engagement in Tegel begrenzt halten, weil die Stadt einfach zu schwach für ein Wirtschaftszentrum sei.

Das Prädikat Start-up-Hauptstadt hat Berlin übrigens nicht bis in alle Ewigkeit gepachtet. Frankfurt am Main, München und Nordrhein-Westfalen engagieren sich bereits intensiv um Gründer. Es ist zu bezweifeln, ob in München Google auf ähnlichen Protest gestoßen wäre.

An der vertanen Chance des Google Campus können die Entscheider in Bezirk und Senat allerdings auch wachsen und lernen. Es geht mitunter nicht nur darum, dass jemandem etwas weggenommen wird. Vielmehr ist es die Fähigkeit, sich von einer Idee begeistern zu lassen – ohne dabei unkritisch zu werden.

Christoph Meyer, 43 Jahre alt, sitzt seit dieser Legislaturperiode für die FDP-Fraktion im Bundestag. Von 2009 bis 2011 war er Fraktionsvorsitzender der FDP-Fraktion im Abgeordnetenhaus. Seit März diesen Jahres ist Meyer Landesvorsitzender der FDP – dieses Amt hatte der gebürtige Berliner bereits von 2010 bis 2012 inne. Laut Abgeordnetenhandbuch des Deutschen Bundestags war der Rechtsanwalt von 2012 bis 2017 für die Deutsche Rockwool, einen Hersteller von Steinwolle-Dämmungen, tätig, zuletzt als Prokurist und Direktor. Seit 2016 ist Meyer einer der Köpfe von JJ+P, Jotzo & Partner, einer Rechtsanwaltskanzlei mit Schwerpunkt auf Miet- und Wohneigentumsrecht in der Schlüterstraße in Charlottenburg.