Die unermüdlichen Verteidiger der freien Gesellschaft haben einen großen Sieg errungen. Der Dresdner Schriftsteller Uwe Tellkamp hat seine umstrittenen Behauptungen weder wiederholt noch verteidigt. Seine geplante Lesereise hat er abgesagt, nachdem er über Tage einem feuilletonistischen Trommelfeuer der Empörung ausgesetzt war, das vom Vorwurf sozialer Kälte und Unerbittlichkeit bis zur Unterstellung reichte, Tellkamp betreibe das Spiel der Neonazis. In der Süddeutschen wurde gar behauptet, er vertrete gar keine politische Meinung, sondern sei in einem Wahnsystem verfangen. Jeder Osteuropäer erinnert sich daran, dass ein solcher Vorwurf zu sowjetischen Zeiten zur Einweisung genügt hätte. Auch wenn sie zumindest hier zu Lande überwunden sind, bleibt die Erinnerung und wird bei manchen ein leises Schaudern auslösen.

Kollektive Verurteilung statt Diskussion

Anlass des Empörungssturms war die von Tellkamp während eines Streitgesprächs mit dem Dresdner Schriftsteller Durs Grünbein erhobene Warnung vor zu starker Zuwanderung. Der Schriftsteller hatte die fehlende Behandlung der Flüchtlingskrise im Parlament und eine tendenziöse Berichterstattung kritisiert und behauptet, dass es Mut brauche, eine vom vorgegebenen Meinungskorridor abweichende Auffassung auszusprechen. Über all das ist zu streiten, erst recht über seine Behauptung, 95 Prozent der Flüchtlinge wollten nur ins deutsche Sozialsystem. Statt einer Diskussion gab es eine weitgehend kollektive Verurteilung, die Tellkamp fürs Erste zum Schweigen brachte, sicher nicht auf Dauer.

Offene Debatte erfordert Respekt für die Meinung anderer

Natürlich ist es die freie Entscheidung von Tellkamp, zu schweigen und die Lesungen abzusagen. Der Mainzer Historiker Andreas Rödder charakterisiert diese „Freiheit“ als eine „technische“: „Es heißt immer, in Deutschland könne man alles sagen. Das stimmt, allerdings nur in einem technischen Sinne. Eine offene Debatte erfordert mehr als das, nämlich Respekt für die Meinung des anderen, auch und gerade, wenn sie mir nicht gefällt.“ Diesen Respekt erhielt Tellkamp nicht. Darum ist der Sieg der empörten Feuilletonisten eine Niederlage der offenen Gesellschaft, weil er ihre Offenheit einschränkt.

Beide Seiten setzen auf Grenzen: Die einen wollen Flüchtlingsströme begrenzen, die anderen wollen gefährliche Ideen ausgrenzen. Bei beiden ist Angst zu spüren. Die einen fürchten zu viele Fremde, die anderen den weltweiten Vormarsch autoritärer Bewegungen und Regime.

Tellkamp als Inkarnation dessen, was man am Osten schon immer fürchtete

Spätestens mit der Übernahme der Oppositionsführung durch die AfD ist im Bundestag nicht länger zu übersehen, dass das weithin geltende Einverständnis von einer offenen, liberalen und europäisch orientierten Gesellschaft bröckelt. In wachsendem Maße beteiligen sich rechte und rechtsradikale Intellektuelle an der bislang von Linken und Linksliberalen dominierten öffentlichen Debatte. Was Franzosen und Italiener gewohnt sind, erschreckt viele Nachkriegsdeutsche, vornehmlich im Westen. Ihnen gilt der deutsche Osten, Gaucks Dunkeldeutschland, als Einfallstor des Autoritären. So wird Tellkamp zur Inkarnation all dessen, was man am Osten schon immer fürchtete.

Da die Mauer nicht wieder zu errichten ist, bleibt nur die geistige Abgrenzung. Sie fällt leicht, weil das westdeutsche Interesse für den Osten auch ein Vierteljahrhundert nach der deutschen Vereinigung begrenzt bleibt. Eine Ausnahme ist der Schriftsteller und Publizist Navid Kermani, der für sein neues Buch durch Osteuropa gereist ist, um das Fremde zu verstehen, einer der wenigen Neugierigen.

Der leidenschaftliche Europäer lässt es zu, dass sein europäisches Ideal in Frage gestellt wird. In der Berliner Zeitung bekennt Kermani: „Ich habe verstanden, warum nicht allen Menschen Europa als eine nur brillante Idee erscheint“, sondern „als Bedrohung ihrer Eigenheiten. Als müssten sie für Wohlstand und soziale Segnungen, die Europa verheißt, mit allem bezahlen, was ihnen vertraut ist, was sie für sich beanspruchen und worin sie sich von anderen unterscheiden...Und sie fürchten, dass Europa alles nivelliert, gewachsene Kulturen zerstört.“ Kermanis beispielhafte Stärke liegt darin, das er diese Werte, die den seinen entgegengesetzt sind, wahr und vor allem Ernst nimmt. Er lernt.

Ostdeutsche fürchten um das gemeinsame Deutschland

Die Ostdeutschen stehen in dieser osteuropäischen Tradition. Sie haben in der DDR schon einmal den Zusammenbruch eines Systems erlebt. Auch wenn es den meisten heute besser geht, mussten sie mit einem völligen Neuanfang zahlen. Ihr Leben wurde auf den Kopf gestellt. Dass sie daher eine Wiederholung fürchten, ist zumindest nachzuvollziehen. Sie trauen der Bundesrepublik nicht zu, so viele Flüchtlinge zu integrieren. Sie haben in den zurück liegenden Jahren immer wieder erlebt, dass ihre Erfahrungen in der vereinten Republik wenig gefragt sind. Nun fürchten sie um das gemeinsame Deutschland. Das mag den düsteren Ton im Auftritt Tellkamps erklären.

Die Ängste, die der weltweite Zeitenbruch auslöst, sind ganz unterschiedlicher Art: Die einen fürchten Flüchtlinge, die anderen Trump und eine autoritäre Zerstörung der offenen Gesellschaften. Vielleicht wäre es ein erster Schritt, einander die Ängste einzugestehen. Der Beginn von Respekt.