Gastbeitrag von Hermann Parzinger, Stiftung Preussischer Kulturbesitz: Was hinter der Idee des Humboldt-Forums steckt

Berlin - Die konzeptionellen Grundlagen des Humboldt-Forums mögen in den Augen von so manchem lange wenig konkret gewesen sein. Aber jetzt, wo der Rohbau steht und wir Richtfest feiern, wird immer deutlicher, dass es die weltberühmten außereuropäischen Sammlungen der Dahlemer Museen sind, die für die inhaltliche Statik des neuen Stadtquartiers sorgen werden. Jetzt schlägt die Stunde der Sammlungen, ohne sie bleibt das neue Schloss ein Hohlkörper. Das Ethnologische Museum und das Museum für Asiatische Kunst können sich dort auf gänzlich andere Weise entfalten, weil sie hier auch völlig neue Fragen aufwerfen.

Wenn davon die Rede ist, „Gegenstände zum Sprechen“ zu bringen, dann geht es den Kuratoren und Ausstellungsgestaltern nicht nur darum, die Bedeutung der Objekte neu auszuleuchten, sondern auch davon Kenntnis zu geben, welchen Weg sie zurücklegten, ehe sie nach Berlin gelangten.

Wenn wir die Herkunftsgeschichte betonen, dann auch deshalb, weil darin die Welt von gestern aufscheint, aber auch das Werden dieser Stadt und natürlich das Heute. Das Humboldt-Forum ist kein Potemkinsches Dorf, es geht zurück auf die Leibniz’sche Kunstkammer mit der ersten systematischen Ordnung von exotischen Objekten, und es trägt den Geist der Gebrüder Humboldt von kosmopolitischer Weltsicht und universaler Gelehrsamkeit in sich, die dazu aufriefen, die Welt zu erforschen.

Es geht um Multiperspektivität

Mit genau dieser leidenschaftlichen Neugier waren auch die für die inhaltliche Ausgestaltung des Humboldt-Forums Verantwortlichen immer wieder in der Welt unterwegs, um zu überprüfen, ob das trägt, was wir uns vorgenommen haben. Das neue Haus soll eben nicht zum Welterlösungszentrum werden, wie so manches große Wort floskelhaft andeutet. Im Gegenteil, die Welt ist zum Mittun eingeladen.

Unter shared heritage verstehen wir eine intensive und dauerhafte Kommunikation mit den Herkunftsländern der Sammlungen, mit Kulturwissenschaftlern, Künstlern und Vertretern indigener Gruppen. Gemeinsam die Objekte zu entschlüsseln, gleichzeitig aber auch uns Deutschen einen Blick auf die Welt zu eröffnen, der nicht von Krisen und Katastrophen dominiert wird, sondern kulturelle Errungenschaften und Entwicklungen in den Vordergrund rückt, soll der rote programmatische Faden für das Humboldt-Forum sein.

Im Februar 2013 besuchten wir einige Orte im Pazifik und damit in einer Region, aus der das Ethnologische Museum herausragende Sammlungen besitzt. Wir führten an mehreren Orten Workshops durch, stellten das Konzept des Humboldt-Forums vor und diskutierten es. Dabei besuchten wir auch das Bernice Pauahi Bishop Museum in Honolulu auf Hawaii. In diesem höchst lebendigen Museum berichteten uns Geschichtenerzähler vom Ursprung der Inseln, von all den Mythen um die Könige und die Ureinwohner Hawaiis, aber auch von Annexion und Konflikten mit weißen Militärs und Siedlern. Immer mehr Besucher scharten sich dabei um den Erzähler und hingen ihm an den Lippen.

Wie wäre es wohl, wenn auch im neuen Humboldt-Forum etwas gelingen könnte, was gemeinhin mit dem spröden Wort Multiperspektivität umschrieben wird: die mehrstimmige Erzählung zu einem Objekt aus unterschiedlichen Blickwinkeln – unserem, dem der Anderen und vielleicht einem gemeinsamen.

Wenn wir es wirklich ernst meinen mit dem Humboldt-Forum als einem weltoffenen Ort, der mehr sein soll als nur ein Museum, brauchen wir solche neuen Sichtweisen, selbst wenn sie bisweilen auch unangenehme Fragen stellen. Das sei ausdrücklich auch an die Adresse all jener Kritiker gesagt, die im Vorfeld des Richtfests wieder nicht müde werden, den Verantwortlichen für das Humboldt-Forum eine sträflich unbekümmerte Weltsicht bis hin zu einer Rehabilitation des Kolonialismus zu unterstellen.

Ausstellungsstücke mit großer Historie

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Doch zurück nach Hawaii: Beim Rundgang durch das Museum in Honolulu treten jene prächtigen Mäntel aus leuchtend roten und gelben Federn hervor, die ihren königlichen Trägern einst Stolz, Würde und Macht verliehen. Tausende von Federn seltener Vögel, wie sie nur auf Hawaii vorkamen, wurden von angesehenen Männern auf Netzen befestigt und zu kostbaren Umhängen verarbeitet.

Niemand anderes als der König selbst durfte sie tragen. Starb der Besitzer, wurden sie weitervererbt, waren aber zu mächtig für jeden anderen und hätten Schaden, Krankheit und Krieg gebracht, wenn sie von „einem anderen Körper“ getragen worden wären. Genau aus diesem Grund wurden etliche dieser prächtigen Königsmäntel im 18. und frühen 19. Jahrhundert vielfach an europäische Schiffskapitäne verkauft, die in Hawaii anlegten.

Der Federmantel in der Sammlung des Berliner Ethnologischen Museums stammt von König Kauikeaouli (Kamehameha III.). Wer die Spur des Kleidungsstücks aufnimmt, trifft auf das Schiff „Princess Louise“, mit dem die Preußische Seehandlung 1825 unter dem Kommando von Kapitän Harmssen und mit dem Leiter der kaufmännischen Geschäfte Wilhelm Oswald an Bord Kurs auf Hawaii genommen hatte.

Als sie drei Jahre später wieder ablegte, übergab der genannte König Kauikeaouli Oswald einen Kriegsfedermantel seines Vorfahren als Geschenk für den preußischen „Amtskollegen“ Friedrich Wilhelm III. Getragen wurde er von Kamehameha I. bei verschiedenen Ereignissen von historischer Tragweite, so zum Beispiel in der Schlacht zur Unterwerfung der Sandwich Inseln.

Angekommen in Berlin, übergab Oswald den Mantel und ein Begleitschreiben im März 1829 an Friedrich Wilhelm III., der beides in die Königliche Kunstkammer des Berliner Schlosses weiterleitete. Von dort gelangte das majestätische Kleidungsstück später in das Ethnologische Museum und avancierte zu einem wahren Spitzenstück der Sammlung.

Frühe Globalisierung

In welcher Weise der Federmantel neue Fragen zu stellen hilft, wurde vor vier Jahren im Rahmen der Ausstellung „Intolerance“ in der Neuen Nationalgalerie deutlich. Der niederländische Künstler Willem de Rooij stellte den Mantel Gemälden seines Landsmannes Melchior de Hondecoeter (1635–1695) gegenüber.

Der Maler, der sich Zeit seines Lebens immer nur der Darstellung von Vögeln widmete, zeigt die Tiere als aufgeplusterte, nervöse und sich gegenseitig bekriegende Wesen. De Rooij suchte mit seinen Installationen nach visuellen, konzeptuellen, kunsthistorischen und ethnografischen Narrativen, um frühe Spuren von Globalisierung offen zu legen. Dargestellt wurden nicht nur einheimische Hühner oder Adler, sondern eben auch exotische Vögel aus den damaligen Kolonien. De Rooij thematisierte damit gleichzeitig auch die Konstruktion von Andersheit als entscheidendem Aspekt des Verständnisses von Globalisierung bis zum heutigen Tag.

Warum ist die Geschichte des Federmantels von Hawaii so wichtig? Für mich ist sie ein prägnantes Beispiel für das Prinzip Humboldt-Forum. Nur wenn es gelingt, Objekte mit den Mitteln der zeitgenössischen Kunst auch auf brennende politische, soziale, kulturelle und künstlerische Fragen antworten zu lassen, kommen wir unserem Ziel näher.

Wissen und Bildung machen die Welt lesbar und fördern Respekt und Toleranz gegenüber Anderen. Wir werden uns aber auch fragen lassen müssen, was das Humboldt-Forum über das Verhältnis Deutschlands zur Welt erzählt. Hier wird sich zeigen, wie wir die Welt sehen und die Welt uns sieht. Gut vorstellbar, ja wünschenswert wäre es, dass eines Tages ein Künstler aus Hawaii im Humboldt-Forum eine Ausstellung über seine Sicht auf Deutschland kuratiert. Und an majestätischen Mänteln herrscht ja auch hierzulande kein Mangel.