Das Auto dominiert das Bild unserer Straßen. Autos stehen Stoßstange an Stoßstange im Stau, produzieren Lärm und Schadstoffe. Zugeparkte Straßen und regelwidrig in zweiter Reihe, auf Bürgersteigen, Busspuren und Fahrradwegen abgestellte Autos sind tägliche Realität.

Der Schlachtruf der Autolobby „Freie Fahrt für freie Bürger“ hat sich schon seit langem an der Wirklichkeit blamiert. Durchschnittlich 150 Stunden pro Jahr verlorene Lebenszeit verbringt ein Berliner Autofahrer im Stau. Lediglich 8,2 Kilometer in der Stunde beträgt die Durchschnittsgeschwindigkeit eines Autos zu den Hauptverkehrszeiten. Busse und Straßenbahnen sind, soweit sie eigene Trassen nutzen können, mehr als doppelt so schnell unterwegs. Kurz: Mehr Autos bedeuten nicht mehr, sondern weniger Mobilität, denn der Straßenraum ist begrenzt.

Der Pkw ist in Berlin das ineffizienteste Verkehrsmittel

Die knappe Ressource Straßenraum ist obendrein ungerecht verteilt. Obwohl in Berlin nur zirka ein Drittel aller Wege mit dem Auto zurückgelegt werden, beansprucht es 60 Prozent der Verkehrsfläche. Der Pkw ist unter dem Gesichtspunkt des Flächenverbrauchs das ineffizienteste Verkehrsmittel. Eine Untersuchung des Verkehrsclubs Österreich ergab, dass private Pkw bei einer durchschnittlichen Besetzung mit 1,3 Personen 94-mal so viel Fläche pro Stunde verbrauchen wie eine Straßenbahn mit 40 Prozent Auslastung. Ist die Straßenbahn zu hundert Prozent ausgelastet, ist der Flächenverbrauch sogar 243-mal so hoch!

Aber nicht nur der „rollende“ Verkehr beansprucht Straßenraum. Private Pkw stehen 90 Prozent der Zeit ungenutzt herum. Derartige Stehzeiten sind extrem unwirtschaftlich. Noch schwerwiegender ist der Verbrauch öffentlichen Raums als Parkfläche. In Berlin werden dadurch neun Quadratkilometer anderen Nutzungen wie Wohnen, Grün- und Freizeitflächen entzogen. Das entspricht fast der Fläche ganz Kreuzbergs. Was aber ist das anderes als eine Privatisierung knappen und wertvollen öffentlichen Raums?

Der Straßenraum in Berlin muss gerechter verteilt werden

Die Antwort auf die Anforderungen einer wachsenden Stadt ist deshalb nicht mehr Platz für Autos. Stattdessen muss der private Autoverkehr zurückgedrängt und der Straßenraum neu und gerechter verteilt werden. Mehr Platz auf den Straßen und eigene Fahrwege für Busse und Bahnen, Ampelvorrangschaltungen, sichere, geschützte Radwege und -straßen, eine fußgängerfreundliche Straßengestaltung und Ampelschaltung – das bedeutet im Umkehrschluss weniger Raum für den motorisierten Individualverkehr.

In einem auf dem Vorrang der Umweltverbunds basierenden Verkehrssystem wäre der private Autobesitz ein Auslaufmodell. Die Zukunft gehört einer Kombination von Fuß-, Rad-, Nahverkehr und Carsharing. Gewinnen könnten dabei alle: Weniger Autos bedeuten weniger Stau und damit mehr Mobilität.

Viele Haushalte in Berlin haben kein Auto

Unsere Straßen würden wieder zu Orten, an denen man sich gerne aufhält. Wertvoller Raum würde zurückgewonnen. Und es wäre ein Beitrag zur sozialen Gerechtigkeit: Denn der private Autoverkehr ist kein Verkehr für alle, denn er ist exklusiv. Weniger als die Hälfte aller Berliner Haushalte verfügt über einen Pkw.

Kinder und Jugendliche, Alte, Menschen mit niedrigem Einkommen sind von seiner Nutzung ausgeschlossen. Mobilität ist eine zentrale Frage gesellschaftlicher Teilhabe. Nur der Umweltverbund wird Mobilität und damit die Teilhabe aller gewährleisten. Dessen Ausbau und Stärkung hat sich die Koalition aus SPD, Linken und Grünen zum Ziel gesetzt.