Wir möchten, dass die Menschen ihr Auto abschaffen“, sagt Verkehrssenatorin Regine Günther. Da hören wir keine Drohung, sondern ein Versprechen. Die Senatorin will ja keinen zwingen, sondern setzt auf Freiwilligkeit. Dazu strebt sie eine Stadt an, in der man auch und gerade ohne eigenes Auto gut vorankommt. Und zwar sicher, kostengünstig, gesund, umwelt- und klimafreundlich und am besten mit Spaß.

Berlins Fußgänger sind zufriedener als Autofahrer

Schon heute gibt es vier Alternativen zum eigenen Auto, die alle noch verbessert werden können: öffentliche Autos (Carsharing und Taxis), Bahnen und Busse, Fahrräder – und die eigenen Füße. Gehen als eine Basis des Stadtverkehrs? „Das wäre wie im Mittelalter“, behauptete neulich jemand. Dieser Jemand kennt offenbar das Berlin von heute nicht. In unserer Stadt bewegen sich mehr Menschen zu Fuß als per Bahn und Bus, hinterm Steuer oder auf dem Fahrrad. Das hat 2017 der Bundesverkehrsminister ermitteln lassen.

Berlinerinnen und Berliner gehen jeden Tag millionenfach zur Schule und zur Arbeit, zum Einkaufen, in die Kneipe und in den Park. Manche gehen nur, weil es Spaß macht. Fußgänger sind zufriedener als Autofahrer im Stau, bedrängte Radler oder betriebsgestörte Bahn- und Bus-Passagiere. Auch das hat das Ministerium ermittelt.

Fußverkehrgesetz soll Wende in Berlin herbeiführen

Zugegeben: Gehen geht nicht auf dem weiten Weg von Lichtenberg nach Lichtenrade, im Alltag noch nicht mal quer durch ganz Lichtenberg. Aber es geht doch sehr oft: 27 Prozent aller täglichen Wege werden in Berlin zu Fuß bewältigt, mehr als jeder vierte. Und das, obwohl es uns seit 100 Jahren schwer gemacht wird: Erst wurde uns fürs Längsgehen die Fahrbahn verboten, später Gehwegraum geraubt – durch Fahrspuren, Parkplätze, Radwege und der Rest-Raum durch illegales Parken.

Heute laufen weitere Großangriffe auf Berlins Gehwege. Vor allem in der Innenstadt wuchert Kommerz bis an die Bordsteinkante. Manche Radfahrer reißen sich den Gehraum so dreist unter den Nagel, dass man Nägel streuen möchte. Die Verleiher von Fahrrädern, Motorrollern und demnächst elektrischen Tretrollern privatisieren schamlos Raum, der doch der Öffentlichkeit gehört. Auf dem Gehweg fahren sollen solche Geräte auch noch, plant Verkehrsminister Scheuer.

Am schlimmsten ist es, wo Fahrbahnen kreuzen. Da sind rücksichtslos Kreuzungen und Überwege zugeparkt, es fehlen Zebrastreifen und bremsende Pflaster-Höckerchen, zudem sind Berlins Autos viel zu schnell. Verkehrssenatorin Regine Günther verspricht die Kehrtwende und arbeitet am Fußverkehrsgesetz. Das hat die richtigen Ziele – zum Beispiel den Plan, wichtige Routen etwa zu Schulen und Kiezzentren besonders zu pflegen und zu entwickeln. Nicht zuletzt die Wege zu Bahnhöfen und Haltestellen: Wo BVG und S-Bahn gut funktionieren, sind sie unsere idealen Partner für längere Strecken.

Lieber laufen als fahren

Damit das Gehen sicher ist und noch mehr Menschen Freude macht, braucht es aber mehr: langes und sicheres Ampelgrün, Raser-Kontrollen, rigoroses Abschleppen von Falschparkern. Wo nicht nur selten Menschen gehen, müssen mindestens 2,50 Meter Breite gesichert oder gebaut werden, bei viel Fußverkehr mindestens das Doppelte.

Es braucht in jedem Bezirksamt Menschen, die zum Thema Gehen verantwortlich den Hut aufhaben, oder besser: den Schuh an. Sie müssen jeden Plan der Tiefbauer kontrollieren, alle Ampeln und alle Anträge, die Privatleute auf „Sondernutzungen“ stellen. All das verspricht der Gesetzentwurf jedoch bisher nicht.

Wird er genauer und verbindlicher, dann kann die geh-gerechte Stadt noch mehr Berliner motivieren, kürzere Alltagswege zu laufen statt zu fahren. Ein Gesetz kann wichtig und nützlich sein, reicht aber nie. Wenn wir besser gehen wollen, müssen wir Bürger uns das erkämpfen.

Gehen wir los!

Am Anfang des Aufbruchs steht die Debatte. Mit zwölf Gastbeiträgen, die in den nächsten Tagen erscheinen, trägt die Berliner Zeitung dazu bei. Politiker, Verbandsvertreter und Wissenschaftler zeigen auf, was sich ändern muss.