Ja, das kennen wir mittlerweile: Die Friseurin Frau Rose an der Ecke zieht wegen Mieterhöhung aus und wird ersetzt durch ein Studio für Haarverlängerung. Der Pizzabäcker gegenüber, der mit dem melancholischen Blick, geht. Ein teurer Designermöbel-Laden kommt, den mit dem leisen, weiten Gang seines Metiers eigentlich nur der Inhaber betritt, gekleidet wie ein englischer Fußballtrainer während der WM. Die Galerien in der Nachbarstraße wissen gar nicht mehr, dass sie einmal Metzgerei oder Philatelieladen waren.

Und den indischen Imbiss unten in unserem Haus, nach dem unsere Gäste und manche Passanten auf der Straße noch immer fragen, hat ein dänischer Investor, der 2002 das ganze Haus kaufte, umgestaltet zur Ladenwohnung, in die immer mal wieder gern eingebrochen wird. Das ist dem Imbiss nie passiert. Aber damals hing auch noch keine Kamera im Hauseingang, die hyperaktiv zwinkert und signalisiert: Achtung, hier gibt es was zu holen, Achtung, hier hat man Angst.

Die Mieter werden vertrieben

Ja, wir erinnern uns: Früher gab es statt einer Kamera, ob nun zum Fürchten oder nur Fake, in solchen kühlen Hausdurchgängen den Geruch nach warmem Essen und einen Stillen Portier, so einen soliden Setzkasten mit Namensschildchen und Stockwerksnummer, der Auskunft gab, wo die Familie mit den vier Kindern oder wo der Hausmeister Nieman wohnte, eben der, der auch eine Werkstatt im Keller hatte, in der er und sein Hund Lassie Radio hörten. Nieman war für jeden ansprechbar, bei dem was tropfte oder klemmte. Zum Beispiel auch für die Witwe eines linksradikalen, wild gelockten Historikersohns aus der militanten Szene West-Berlins ging Nieman unter dem Waschbecken in die Knie.

Nachdem sie an einem Dezembernachmittag Anfang der Siebziger Witwe geworden war, weil ihr Mann in Schöneberg von der Polizei erschossen wurde, spielte sie noch Jahrzehnte in unserem Seitenflügel Klavier bei offenen Fenstern. Ging man durch den Hinterhof, vorbei am Kaninchenstall und einer Schaukel für alle, auch für jene im Haus, die schon groß und schwer waren, konnte man glauben, man würde in einer guten Welt leben.

Alte Geschichte, neues Kapitel

Ich lebe noch immer dort, in dem Haus ohne indischen Imbiss, aber Nähe Savignyplatz. Die Mitmieter sind auf rüdes Drängen des dänischen Investors ausgezogen. Auch Nieman, sein Hund, die Familien mit Kindern, die schöne Witwe mit Klavier, und andere, die hier alt geworden und verwurzelt waren. Aber wir in Berlin kennen das. Warum also das Ganze noch einmal erzählen? Vielleicht weil die Geschichte jetzt eine Fortsetzung hat, und ein nächstes Kapitel gewaltsam aufschlagen will. Nennen wir das Kapitel einfach „Neue Jagdreviere“.

Das dazugehörige Halali ist das Getöse aus den Baugruben für die Tiefgaragen, in denen die Computer der Bauzeichner schon reihenweise ihre SUV geparkt haben. Das ist der neue Sound der Hinterhöfe. Jetzt geht es nicht nur dem Altbestand an den Kragen, sondern auch der Berliner Luft. Ein letzter schmaler Hof soll bebaut werden, gleich nebenan, wo der indische Imbiss war, hinter einem Sechzigerjahre-Wohnhaus, das wahrlich nicht schön ist, aber ganz schön hohe Mieten hat. Die im geplanten Neubau dahinter werden noch viel höher sein. Auf dem kleinen Parkplatz dort will die Eigentümerin auf der gefühlten Fläche von drei mal zehn Badehandtüchern an die dreißig Mikro-Appartements entstehen lassen – ein Heim für Singles und Wochenendaufenthalter.

Luftlöcher werden gestopft

Berlin braucht Wohnraum, schon klar, aber nicht so eine „Verdichtung“, in der weder Altbestand noch Neuzuzug respektvoll ihren Lebensraum teilen können. Solche Art von Nähe könnte ein Irrtum sein, den man bald schon bereut. Nur einen Steinwurf über den Zaun entfernt in der Knesebeckstraße, da wo die haushohen Kastanien standen, ist erst vor einem Jahr ein vorletztes Luftloch gestopft worden.

Dort steht nun das „Stadthaus Hugo“ mit zum großen Teil leeren Wohnungen. Kein bezahlbarer Wohnraum ist entstanden, den Berlin so dringend braucht, sondern es ist Geld angelegt worden – auch internationales. Kein Rollator und kein Kinderwagen verirren sich mehr dorthin.

Vorhaben, die bereut werden könnten

Ist es wirklich nötig, noch mehr Betongold in die letzten Lücken zu gießen und Wohnungen zu unerschwinglichen Kaufpreisen und Mieten anzubieten, die von Bauherren und -herrinnen, die jedes urbane Leben aus dem Kiez saugen, mit der Nähe zum schönen Savignyplatz beworben werden, den aber nicht sie finanziert und gestaltet haben, sondern die Stadt Berlin?

Kurz: Wird hier in Charlottenburg – wie an vielen Orten in der Stadt Berlin auch – mit so einem Bauvorhaben wie in der Grolmanstraße etwas zugelassen, was in zehn Jahren nicht nur die direkte Umgebung bereut, sondern sich grundsätzlich als Fehler einer übereifrigen, wenig sorgfältigen, auch überforderten Baupolitik, herausstellen könnte? Werden hier Jagdreviere geschaffen, in denen nur Könige jagen dürfen? Niemand sonst, selbst wenn die Könige nicht da sind?