Ende der Freundschaft: „Mach ruhig was Eigenes auf, aber keine Schnitzel, okay?“

Konkurrenz belebt das Geschäft! Oder doch eher den Puls? Im Bergmannkiez öffnete gleich dreimal ein Geschäft direkt neben seiner Konkurrenz. Wie kam es dazu? 

Gleich dreimal finden sich Geschäfte mit dem gleichen Modell an einer Straße im Bergmannkiez.
Gleich dreimal finden sich Geschäfte mit dem gleichen Modell an einer Straße im Bergmannkiez.Uroš Pajović/Berliner Zeitung

Die Kreuzberger Bergmannstraße wäre von den Immobilienhändlern und den Gastronomen des 21. Jahrhunderts nie entdeckt und vermarktet worden, wäre sie nicht bereits in den 80er-Jahren über die Mauer hinaus bekannt gewesen. Selbst in Wien, Zürich und London sprach man von der Straße, in der sich Trödler an Trödler reihte. Und alle verdienten an der wachsenden Popularität. Die Bergmannstraße wurde für die Reisebranche zu einer attraktiven „Destination“ und ist es noch immer – auch wenn heute keine Trödler, sondern nur noch Restaurants im Reiseführer stehen.

Tiago Pinto Pais suchte sich diesen Kiez aus, um portugiesische Weine anzubieten. Er tat es gemeinsam mit Joao Dias. Der hatte in der Kreuzberger Heimstraße ein Weingeschäft eröffnet. Doch das geschäftliche Glück der beiden Portugiesen währte nicht lange, Dias stieg bald ganz aus. „Wir kommen aus zwei verschiedenen Generation und haben eben auch verschiedene Geschäftsphilosophien“, sagt Joao Dias. „Tiago hatte Lust auf junge Leute und Musik, und ich hätte es gerne etwas ruhiger gehabt.“ Also kaufte Tiago Pais dem Kompagnon auch noch die zweite Hälfte des Ladens ab und öffnete das „7 Mares“.

Kurz darauf aber machte sein Ex-Kompagnon eine Straße weiter einen eigenen Laden auf. Pais beschlich „ein ungutes Gefühl“, zumal er den älteren Herren darauf angesprochen hatte, diese 500-Meter-Klausel im Vertrag einzubauen: Ein ungeschriebenes Gesetz unter Gastronomen, das jedem Gründer nahelegt, kein gleichartiges Geschäft in unmittelbarer Nähe eines anderen mit der gleichen Geschäftsidee zu eröffnen. Als Tiago Pais sah, wie sein Kollege in dem neuen Laden in der Friesenstraße portugiesische Weinkisten stapelte und in drei fetten Buchstaben „Bom darüber schrieb, ärgerte er sich.

Das ist im Bergmannkiez allerdings nichts Besonderes. Gleich drei Mal häufen sich Geschäfte mit dem gleichen Modell auf einer Straße: Schnitzel, Cocktails und portugiesischer Wein. Immer in direkter Nachbarschaft und das schon seit mehreren Jahren. Beide Geschäfte können sich jeweils immer behaupten.

„Inzwischen bin ich froh, dass alles so gekommen ist“, sagt Tiago Pais. „Joao wollte eine richtige Küche, die hat er jetzt in der Friesenstraße.“ Tiago Pais dagegen hat sich voll und ganz auf Wein und Sekt konzentriert, es gibt Abende, da ist der Laden voller junger, gut gelaunter Leute. „Das Einzige, was mich nervt, ist, dass immer noch Leute kommen und nach dem ‚Bom‘ fragen, weil sie dort vor ein paar Jahren irgendwas gegessen haben, was ich natürlich nicht mehr habe.“ Sonst sei alles okay. 

Wenige Meter von der Heimstraße entfernt in der Bergmannstraße kommt es zu ähnlichen Verwechslungen. Da glauben die Gäste auch immer, im „Austria“ einen Tisch reserviert zu haben. Doch dort ist kein Tisch mehr frei, weil sie nebenan im „Felix-Austria“ reserviert haben. Auf den Internetseiten sind die beiden Lokale mit identischem Angebot und ähnlichem Namen kaum auseinanderzuhalten.

Die Geschichte der österreichischen Lokale ähnelt der von Joao Dias und Tiago Pais: Irgendwann beschloss einer der Kellner des „Austria“ exakt vier Hausnummern und keine 200 Meter weiter ein eigenes Lokal zu eröffnen. Bereits 1993 hatte Bodo Blum „mitten im Multikultibezirk“ Kreuzberg ein österreichisches Schnitzellokal eröffnet. Er ist übrigens kein österreichischer Koch, sondern ein Berliner Schriftsetzer, der sich über ständig neue computergesteuerte Maschinen ärgerte und deshalb seinen Job an den Nagel hängte, um Gastronom zu werden.

Das Restaurant mit den Hirschgeweihen an der Wand, den panierten Fleischfladen, den dampfenden Knödeln und den frackierten Kellnern war eine angenehme Abwechslung auf der mediterran-asiatisch geprägten Kreuzberger Speisekarte. Der Laden lief. Das blieb dem Personal nicht verborgen. Zuerst hatte Blum, der unternehmungslustige Kellner, noch daran gedacht, ein Café zu eröffnen, aber „irgendwie geriet es dann doch zu einem österreichischen Restaurant.“

Der Parallellauf der beiden Österreicher führte fortan zu Irritationen unter der Kundschaft. Viele Kunden verabreden sich beim „Österreicher“, und der eine sitzt dann im „Austria“ und der andere im „Felix Austria“. Plötzlich klingelt das Telefon: „Wo bleibst Du denn? Ich warte schon seit einer halben Stunde!“ 

Selbst die Post irrt mitunter noch zwischen dem einen und dem anderen Österreicher hin und her. Doch die Stimmung zwischen beiden ist schlecht, warum weiß nicht einmal Kevin, der dienstälteste Kellner im „Austria“. Als er zu kellnern begann, war das alles „schon Schnee von gestern“. Keiner aus der neuen Besatzung kann sich erinnern, auch die Chefetage ist längst ausgewechselt. 

Der Filmemacher Gerd Conrad und seine Frau sind bei beiden Österreichern Stammgäste. Privat gehen sie ins „Felix Austria“, weil es bisschen günstiger ist als nebenan. „Nur wenn wir vornehme Gäste zu Besuch hatten“, sagt Conrad, „dann führten wir die zum Schnitzelessen ins alte ‚Austria‘ mit den buckelnden Kellnern und den Tischdecken.“ Er sagt, da gab es eine Vereinbarung: „Mach ruhig was Eigenes auf! Aber keine Schnitzel, okay?“ Das war der Deal. Doch irgendwann lagen auch bei Felix die riesigen Schnitzel über den Tellern. Beide Österreicher leben ganz gut miteinander, vielleicht sogar voneinander, in einer Art Symbiose. Ein Wiener Schnitzel für die hungrigen Touristen aus China und Schanghai ist in der Bergmannstraße auf jeden Fall garantiert. 

Als Symbiose empfindet vor allem die junge Generation der Gastronomen die Nachbarschaft von Artgenossen. Die Kreuzberger Cocktailbars leben in friedlichster Harmonie. Im „Limonadier“ steht, angeleuchtet wie ein Bühnenstar, eine dickbäuchige Flasche mit einem Jamaika-Rum namens „Wagemut“. Dos Santos, Besitzer der elegant durchgestylten Bar, grinst. Vorangegangene Generationen hätten es womöglich noch als wagemutig empfunden, ausgerechnet in der Nostitzstraße eine Bar zu eröffnen, wo sich doch in der nahen Nachbarschaft bereits die alteingesessene „Galanderbar“ befindet. „Aber ich freue mich, wenn schon jemand da ist und etwas Ähnliches macht.“ Vielfalt belebe das Geschäft. 

Dominik Galander aus der Großbeerenstraße bestätigt das gute nachbarschaftliche Verhältnis. Die Cocktailszene halte gut zusammen. „Wir haben ja neben der Bar noch den Spirituosenladen, manchmal kommen die vom ‚Limonadier‘ rüber und kaufen hier ein.“ Nach Feierabend sitzen sie bei der Konkurrenz auf einen Drink. 

Probleme haben die Barbesitzer untereinander keine. Wenn sie von sich sprechen, sagen sie „wir“, und das klingt, als meinen sie alle Barkeeper dieser Welt. Realistischer als Probleme mit neuen Artgenossen sind Probleme mit neuen Anwohnern. Den Zugezogenen. Manchmal sogar mit den Ureinwohnern. Zum Beispiel denen über der „Haifischbar“, der ältesten Bar im Viertel, nur wenige Hundert Meter von „Limonadier“ und „Galanderbar“ entfernt. „Eigentlich wollten wir die ja gar nicht kaufen“, sagt Galander. „Das war eigentlich pure Romantik.“ Der Besitzer wollte unbedingt verkaufen. 

Mit der romantischen „Haifischbar“ haben sie jetzt ein kleines Problem. Denn die Kreuzberger Sommernächte sind noch immer lang, und es kommt vor, dass die Besitzer der Wohnung über der Bar irgendwann tatsächlich schlafen möchten. Das ist verständlich, das sind ältere Leute. „Sie haben einen leichten Schlaf, aber das nervt“, sagt Galander. Denn die, die sich da beschweren und die Polizei rufen, sind die Vorbesitzer der Bar mit dem Haifisch auf dem Tresen. Aber so ist das eben mit langjährigen Beziehungen, seien sie privat oder rein geschäftlich: Sie führen mitunter zu erhöhtem Pulsschlag.

Tiago Pais’ Puls allerdings ist die Ruhe selbst. „Natürlich hatten wir auch in Lissabon Straßen voller Schuhgeschäfte oder Straßen mit Bars und Weinläden.“ Er könnte sich das auch ganz gut vorstellen, wenn die Heimstraße zur Weinstraße würde: „Italiener, Spanier, Franzosen, Portugiesen, einer neben dem anderen.“ Und Tische auf der Straße, lauter lachende Menschen an lauen Sommerabenden (bis 22 Uhr), und irgendwo spielt einer Gitarre. Die kleine Heimstraße mit dem schönen Blick auf die Passionskirche, sie wäre bald so berühmt wie die Bergmannstraße.

Dann mach ich eben nebenan was Eigenes auf.
Dann mach ich eben nebenan was Eigenes auf.Uroš Pajović/Berliner Zeitung