Es ist ein bisschen langweilig, auf die Oranienburger Straße zu schimpfen, weshalb ich es jetzt nicht tun werde. Sie macht es einem zu leicht. Besser daher, man konzentriert sich auf die zarten Pflänzchen, die dort sprießen, kulinarisch besehen. Eins davon ist das Anfang April eröffnete Restaurant acht&dreissig, das so heißt, weil es die Hausnummer 38 trägt.

Bereits beim Anblick der Terrassentische atmet man erleichtert auf. Sie sind wohltuend schlicht, keine Sessel mit Lounge-Gefühl, keine Shishas, keine Palmwedel. Statt Happy-Hour-Drinks wie am Ballermann kündigt die Tafel einfach nur an, was man drinnen kriegt: moderne deutsche Küche. Und darunter steht noch mal auf Englisch: German Classics – was wohl sein muss, weil die Straße ja fest in Touristenhand ist.

Die Inneneinrichtung stimmt

Dass sich das ändert, hat sich der Inhaber des acht&dreissig, Duc Anh Tran, zum Ziel gemacht. Interessanterweise musste erst ein gebürtiger Vietnamese kommen, um mit einer anspruchsvollen deutschen Küche in dieser Straße anzutreten. Er scheint genauso neugierig zu sein wie ich, ob sein Plan aufgeht.

Was die Inneneinrichtung angeht, hat er sich schon mal keinen Fehler erlaubt. Es sieht so aus, wie ein modernes, auf Regionalität und Qualität bedachtes Restaurant heute aussehen muss: hohe Backsteinwände, viel Holz, und über den langen Tischen dürfen schwarze Emaille-Industrielampen nicht fehlen – leider ist das auch ein wenig einfallslos, aber trotzdem schön zum Sitzen.

Auch bei der Karte bleibt Duc Anh Tran – der  mit seiner Frau Rosa noch die Salumeria Rosa in Charlottenburg betreibt – auf der sicheren Seite. Sein Spektrum reicht von der Berliner Kalbsleber über die Ochsenbacke mit Wurzelgemüse bis hin zum Havelzander mit Wirsing. „Erstmal“, wie er hinzufügt. Später, wenn sich die Traditionsgerichte etabliert haben, will er mehr Experimente wagen, auch mal asiatische Einschläge. Sein Küchenchef ist Stefan Schaarschmidt, die beiden kennen sich aus ihrer gemeinsamen Zeit im Hyatt Berlin.

Senf- und Paprikaschärfe überbieten sich

Als ich mit meinem Freund im acht&dreissig sitze, steht die Karte unter dem Motto Spargel. Da ich diese Saison noch keinen gegessen habe, freue ich mich auf die Spargelsuppe und als Hauptgang auf Spargel mit Forelle. Vorweg teilen wir uns  ein Tatar und eine gebackene Blutwurst auf Kartoffelstampf mit gedünsteten Äpfeln und Zwiebel.

Alle drei Vorspeisen sind aus frischen, sehr guten Zutaten hergestellt, leiden allerdings alle ein wenig unter demselben Denkfehler: Die Küche hat den Eigenaromen ihrer Hauptprodukte nicht genug vertraut und Gewürze zu stark eingesetzt. Mein  sahnig geschäumtes Spargelsüppchen hätte ruhig weniger vom Petersilienöl haben dürfen, weil der Beelitzer Spargel allein schon genug hermacht. Ebenso die Kartoffeln aus neuer Ernte; ganz einfach gekocht mit Schale, ein wenig Butter und Salz machen sie sich fantastisch im Hauptgang zu Spargel und Forelle. Im Stampf zur Blutwurst sind sie aber mit etwas zu viel Muskat abgeschmeckt.

Intensiv nach Zimt und Nelke schmeckt auch der Apfel-Zwiebel-Schmelz zur  Blutwurst, die hier sehr gelungen wie ein Falafelbällchen frittiert wurde: Außen ist sie knusprig, innen weich. Ruhig weniger gewürzt hätte für meinen Geschmack auch das Tatar sein dürfen, zumal es aus exzellentem Rinderfilet gemacht ist. Hier überbieten sich Senf- und Paprikaschärfe, Kumin und eine für sich genommen wirklich gute, honigsüß-saure Schicht aus geraspelten Spreewaldgurken gegenseitig.

Doch ich sage ausdrücklich: Das ist  Jammern auf hohem Niveau. Beim Hauptgericht, aromatischer, bissfester Spargel mit einer noch jungen, sehr zarten Forelle, die nur leicht auf der Haut angebraten war, hatte die Küche rein gar nichts falsch gemacht. Ja, hier hat wirklich einer den Anfang auf der Oranienburger Straße gewagt – und dafür: Danke!