Wer immer noch glaubt, Chinesen verstünden sich höchstens auf Pflaumenwein, der sollte einmal ins Hot Spot gehen. Als Geheimtipp gilt das chinesische Restaurant kaum noch, dazu hat es über die Jahre zu viele Auszeichnungen gesammelt. Auch ist, wenn ich mal da bin, meist schon irgendein Tisch mit einem Koch oder Kollegen aus dem Gastrofach besetzt.

Doch die Beliebtheit hat dem Hot Spot nicht geschadet. Mir scheint, sie hat den Ehrgeiz des Inhabers Jianhua Wu erst angestachelt. Allein die Weinkarte ist mittlerweile ziemlich beeindruckend. Das Restaurant wurde in diesem Jahr vom Deutschen Weininstitut als „Ausgezeichnete Weingastronomie“ geehrt. Dazu muss man wissen: Jianhua Wu ist großer Riesling-Kenner, ach was, Riesling-Fanatiker. Seit er das erste Mal als junger Maschinenbaustudent in Berlin an Riesling kam.

Der Blitzschlag traf ihn, wie er sagt, 2005, als er das Weingut Christoffel aus Ürzig an der Mosel besuchte und dort von der feinsten Auslese trank. Rund 15 verschiedene Christoffel-Rieslinge stehen bei ihm auf der Karte, der älteste von 1959 – darüber hinaus sind aber auch alle großen deutschen Winzer wie Diehl, Jakob Jung, Battenfeld-Spanier oder Molitor vertreten – natürlich auch mit anderen Trauben und zu fairen Preisen, wie ich finde.

Das Spiel zwischen Säure und Süße

Was Herrn Wu aber so an Riesling fasziniert, ist der Umstand, dass er so gut mit der chinesischen Küche harmoniert. Das Spiel zwischen Säure und Süße beim Riesling bestimme auch die chinesische Kochkunst, sagt Wu. Zudem passe seine leichte Eleganz perfekt zu scharfem Essen, zum Beispiel könne man mit einem mineralischen Riesling wunderbar seine höllenscharfe Fuqi Felpian ausgleichen – Rinderzunge und Rindermagen.

Um diese Spezialität auf der Karte aus Herrn Wus Heimat Sichuan habe ich immer einen Bogen gemacht. Immerhin folgte ich beim letzten Mal seinem Rat und probierte die ebenfalls mit drei Chili-Schoten als scharf gekennzeichneten Wan Tans. Dazu bestellte ich ein Glas perfekt gekühlten Riesling vom Weingut Dr. Loosen. Das Erlebnis war überraschend und wunderbar: Die Wan Tans, die in Ingwer-Chili-Öl gekocht werden, brennen erst im Mund, dann in den Ohren, bis schließlich auch die Nase zu tropfen beginnt.

Doch ein Schluck vom trockenen Riesling, der sich plötzlich ganz süß im Gaumen entfaltet, nimmt der Schärfe der Wan Tans das Betäubende. Nun erst nehme ich die salzigen, schmelzigen Umami-Fleischnoten der Füllung, den Lauch, Knoblauch und Ingwer darin wahr, und beim Wein verstärkt sich die wahrnehmbare Süße.

In Teeblättern geräucherte Ente

Fantastisch ist auch die in Teeblättern geräucherte Ente auf der Karte, die ich danach genieße, ebenfalls eine Spezialität aus Sichuan. Räuchern ist derzeit sehr modern. Mich nervt das bisweilen etwas, weil damit oft jeder Eigengeschmack von Gemüse oder Fleisch zugekleistert wird.

Bei der außen knusprig gebackenen, innen weichen Ente sind die Rauchnoten aber so hauchzart. Wohl, weil sie während des Räucherns in ein Teeblatt gehüllt ist. Man glaubt eher, eine Teenote zu schmecken als Rauch.

Zur Ente passt ein Spätburgunder, denn natürlich gibt es auch Rotweine im Hot Spot, meist nur lang gereifte. Denn frisches Tannin sei kompliziert und beiße sich mit der chinesischen Küche, sagt Herr Wu. Wer will, kann bei ihm viel über Weine lernen und vor allem darüber, welche Beziehung sie mit der asiatischen Küche eingehen.

Übrigens: Vom Christoffel-Riesling aus dem Jahr 1959, der auf der Karte steht, existiert nur eine einzige Flasche. 590 Euro kostet sie. Kürzlich wollte ein Gast sie bestellen. Doch irgendwie konnte Herr Wu sie an diesem Abend plötzlich nicht finden. Was möglicherweise auch daran lag, dass er sich von dieser Rarität eigentlich gar nicht trennen möchte.

HOT SPOT, Eisenzahnstraße 66/Ecke Kurfürstendamm, 10709 Berlin, Tel.: 030 89006878,  geöffnet täglich von 12 bis 23 Uhr.