Zugegeben, bei diesem Testbesuch war es vor allem der Name, der den Ausschlag gab: Kitchen Library – also Küchen-Bibliothek. Ich war neugierig, was sich dahinter verbirgt. Seit März 2016 gibt es dieses Restaurant in der Charlottenburger Bleibtreustraße. Ich hatte gelesen, dass Udo Knörlein, der Gastgeber und Koch dort, ein besessener Rezeptesammler ist und der Laden voller Bücherregale mit Kochbüchern. Früher hatte der Koch sie in seinem Wohnzimmer untergebracht, nun seien sie mit ihm aus der Schweiz und dem Schwarzwald, seinen vorherigen Arbeitsstationen, in sein erstes eigenes Restaurant nach Berlin gezogen.

Ich selbst habe ein gespaltenes Verhältnis zu Kochbüchern. Ich liebe es, sie durchzublättern. Geht es aber darum, ein Gericht haargenau so nachzukochen, verweigert sich irgendetwas in mir. Ähnlich, wie wenn ich auf der Straße nach dem Weg frage. Kommt die Erklärung, höre ich nach der Hälfte nicht mehr genau hin.

Ebenso kann ich Rezepte nicht wirklich lesen. Das heißt, natürlich lese ich sie – aber eher zur Inspiration. Die exakten Mengenangaben von Pinienkernen oder Zitronenabrieb entfallen mir, sobald ich mich dem Herd zuwende. Meinen Mann, einen akribischen Rezeptebefolger, macht das wahnsinnig.

Insofern fand ich meinen Besuch in der Kitchen Library zunächst ein wenig enttäuschend: Die namensgebende Bibliothek besteht eher aus ein paar verstreuten Holzregalen mit Buchrücken – die 300 Bücher gehen in dem Laden, der fünfzig Sitzplätze hat, unter. Optisch ist das Restaurant mit seinen Rotbrauntönen etwas langweilig. Das Essen allerdings ist es nicht.

Essen neben Kochbüchern im Kitchen Library

Es beginnt schon mit dem Brot, das der Udo Knörlein selbst backt: Ein noch warmes Focaccia mit eingebackenen Aprikosenstückchen und ein würziges Sauerteigbrot mit Kümmelnote bringt die Bedienung in einem Stoffsäckchen. Zum Bestreichen gibt es einen leicht geräucherten Butterschaum oder einen Kresse-Frischkäse. Kleiner Rat: Nicht satt essen. Denn auch die folgenden Vorspeisen, wie überhaupt alle Teller, haben hier einen sehr ordentlichen Umfang. Der Pulposalat mit Mango von der Wochenkarte ist vielleicht optisch nicht besonders angerichtet, dafür aber unglaublich raffiniert gemacht: klein gewürfelter, lauwarmer Pulpo und rohe Mangostückchen mit Fruchtessig allein lassen sich wunderbar weglöffeln.

Doch das ist nicht alles. Man muss noch den zarten nussigen Baby-Quinoa unterheben, ebenso wie Tupfen von einem eher sahne- als knoblauchlastigen Aioli und gehobeltem Weißkohl. Der ist noch knackig und wurde fermentiert, mit leicht asiatischer Ingwer- und Zitronennote, bestreut mit getrocknetem, pulverisiertem Wirsing. Das klingt nach zu vielen Geschmacksrichtungen, doch Udo Knörlein ist ein begabter Koch, und darum gelingt es ihm, alle Aromen zu einem harmonischen Ganzen zusammenzufügen.

Tina Hüttl schmeckt's im Kitchen Library

Rezepte über Königsberger Klopse, die ich mir im Anschluss bestellt habe, könnten wohl allein ganze Kochbücher füllen. Im ostpreußischen Original werden sie mit Sardellen und Kapern in heller Soße serviert, es gibt aber Hunderte Abwandlungen: Tim Mälzer verzichtet auf Sardellen und macht eine Spargelsoße, Tim Raue hat sie auf Sterneniveau revolutioniert. In der Kitchen Library gibt es eine kräftige, dunkle Soße, die luftigen Klopse sind fein hachiert, und das Sardellenaroma ist deutlich zu schmecken. Serviert werden sie fast klassisch, mit sehr buttrigem Kartoffelpüree und einem Rote-Beete-Salat, der aber mit Zitronengras und Ingwer asiatisch abgeschmeckt ist.

Nach diesem Besuch fühle ich mich in meiner Meinung bestärkt, Kochbücher nie genau zu befolgen. Nichts scheint in der Kitchen Library nach Lehrbuch runtergekocht. Hier hat jemand herumexperimentiert – jemand, der das beherrscht.

Kitchen Library, Bleibtreustraße 55, Charlottenburg, Di–So 17.30 bis 0 Uhr, Telefon: 3125449