Das Kranzler-Eck ohne Café Kranzler bleibt trotzdem das Kranzler-Eck. Ebenso war für mich das Ecklokal auf der Kastanienallee, wo vor Jahren die 103 Bar schloss, noch immer das 103. Orte werden von Gastronomie geprägt.

Dass das 103 jedoch eines Tages mit Wucht aus meinem Namensgedächtnis gefegt würde, hätte ich nicht gedacht. Doch nun ist es passiert. Das lange totgeglaubte Ecklokal ist in großer Pracht als peruanisches Restaurant namens Nauta auferstanden. Schon nach dem ersten Besuch spreche ich von nichts anderem mehr als: dem Nauta.

Ein Single-Leben im 103

Mit Absicht habe ich an diesem Abend meinen Mann als Begleitung mitgenommen. Genau genommen ist er noch gar nicht mein Mann. Wir heiraten erst in ein paar Wochen. Mein Zukünftiger hat sein Single-Leben im 103 verbracht. Sein Schmerz über das Verschwinden der Bar poppt immer mal wieder auf. Aber auch er muss zugeben: Zuletzt waren Drinks und Club-Sandwiches im 103 einfach unterirdisch.

Das Essen im Nauta aber ist einfach göttlich. Die Drinks sind es übrigens auch, etwa der Pisco Sour: cremig geschüttelt mit einem Eiweiß-Schäumchen und seiner an Trauben, Rosinen und Muskat erinnernden Grundaromatik vom Pisco-Weinbrand. Doch das Essen verdient im Nauta die volle Aufmerksamkeit.

Das Essen im Nauta ist göttlich

Ich beginne mit Ceviche. In diesem Fall vom Adlerfisch, eher klassisch gemacht mit Süßkartoffel und chili-scharfem Limettensaft. Doch die Küche hat sich auch eine japanisch beeinflusste Version ausgedacht: vom Lachs und mit in Sake getränkter und Wasabi geschärfter Mango.

Im 19. Jahrhundert kamen Japaner nach Peru, um Eisenbahnstrecken zu bauen. Viele blieben, mit ihnen japanische Kochtechniken und Lieblingsspeisen, die sie mit landestypischen Gerichten vermischten. „Nikkei Cuisine“ wird diese Fusion genannt, und dieser Küche hat sich der Küchenchef Juan Danilo verschrieben.C

Ceviche mit Himbeeren und Mango

Danilo ist in Berlin, Lima und Nauta aufgewachsen, einem Urwaldort im Amazonasgebiet, wo seine Großmutter herkommt. Zusammen mit einem mexikanischen Souschef und einigen regionalen Produkten gelingen ihm die unglaublichsten kulinarischen Verbindungen.

Auf dem dunkelgebrannten Teller sieht das Adlerfisch-Ceviche aus wie ein farbenfroher Blumenstrauß. Gepoppter Andenmais, crunchige Chips von orange- und lilafarbener Kartoffel kontrastieren mit limettendurchzogenen Zwiebeln, Korianderblättern sowie dem weiß-leuchtenden Fischfleisch.

Dieses ist nur kurz in scharfer Tigermilch mariniert, die aus Limettensaft und Sahne besteht. Das nimmt dem Saft die Bitterstoffe, das Säuerliche übertüncht so nicht das feine Aroma des Fisches. Frischer kann ein Ceviche kaum schmecken.

Schweinebauch und Süßkartoffelmus

Bei der Variante mit Lachs sind es das Fruchtige von Mango und Himbeeren und die japanischen Aromen, die mich in der Kombination begeistern. Hier gibt Wasabi die Schärfe, und der Alkohol des Sakes vereint sich mit dem Fruchtsaft zu einem sommerlichen Lachs-Cocktail.

Spannend finde ich auch die japanische Beizung des Schweinebauchs, der mit einer süßlich-scharfen Sojaglasur geschmort wurde. Die salzige Kruste gibt es gebröselt als knusprigen Kontrast zu einem Süßkartoffel-Kokosmus, dessen Gefälligkeit Karashi bricht, ein japanischer Senf. Der hat ebenfalls einen Gegenspieler: knackige Rettichhobel, mariniert in Zitrone, Zucker und Mirin.

Perfekt gegrilltes Entrecôte im Nauta

Ebenso ausgeklügelt ist das Hauptgericht meines künftigen Mannes: ein perfekt gegrilltes Stück Entrecôte argentinischer Herkunft, begleitet von einer Schale mit in Tomaten-Confit gedünsteter Maniok-Wurzel, Enoki-Pilzen und einem cremigen Wachtel-Ei.

Was hier geboten wird, ist Fine Dining, nur dass es in einer sehr entspannten Umgebung präsentiert wird, die kaum mehr an das frühere Lokal erinnert. Mein Zukünftiger hat „sein“ 103 vergessen, er spricht jetzt nur noch vom Nauta.

Nauta, Kastanienallee  49, Mitte, 10119 Berlin, Tel.: 48 49 26 51, geöffnet Mo-Sa, 19 bis 24 Uhr, So geschlossen.