Berlin - Wer behauptet, dass früher alles besser war, denke bitte an den deutschen Wein. Klebrig war er meist, scheußlich süß und in Übermengen quoll er als „Liebfrauenmilch“ aus den Kellereien. Allein deshalb kann sich niemand die 70er- und 80er-Jahre zurückwünschen. Sie waren das schwärzeste Kapitel der deutschen Weingeschichte, besonders in Berlin, das – man glaubt es heute kaum – mal eine Weinwüste war. Verzweifelte Weinkenner flüchteten zum Edelzwicker oder, wer konnte, ins KaDeWe. Weinliebhaber aus dem Osten der Stadt weinten still in sich hinein oder wurden zu brillanten Knappheitslogistikern, die dann doch hier und da an ein paar vernünftige Flaschen kamen.

Im Westen gab es einige Renommierweine berühmter Weinbauorte auch in den Kurpfalz-Weinstuben. Die waren schon seit 1935 eine Berliner Institution. Im Jahr 1975 hatte sie der Hanseate und deutsche Weinliebhaber Rainer Schulz übernommen, der Kontakte zum Pfälzer Weingut Koehler-Ruprecht knüpfte. Dort kelterte man schon damals aus handselektierten Trauben und machte erstaunlich haltbare und vor allem trockene Weine. Die Kurpfalz-Weinstuben waren sicherlich ihrer Zeit voraus. Hipp wie heutige Berliner Weinbars darf man sie sich aber nicht vorstellen. Man saß auf knorrigen Stühlchen, an den Wänden drohten Weinfässer und grinsende Gnome aus Rebwurzelholz. So blieb es, mehr als 40 Jahre lang.

Seit eineinhalb Jahren hat die Weinstube einen neuen Besitzer. Trotzdem eignet sie sich noch immer wunderbar für eine Zeitreise. Denn der Betreiber Vincenzo Berényi und sein Küchenchef und Kompagnon Sebastian Schmidt haben technisch grundlegend, optisch aber behutsam renoviert. Wurzelwerk, kinnhohe, dunkle Holzvertäfelung und all die anderen charmanten Scheußlichkeiten sind noch da – gerade in Zeiten von immergleichen Glühbirne-am-Faden-Weinbars ist das wohltuend.

Eine Zeitreise erlaubt auch die Weinkarte. Die ist zwar vom Wirt und Sommelier Vincenzo Berényi entstaubt worden; das berühmte Pfälzer Weingut Koehler-Ruprecht ist aber immer noch mit rund 25 verschiedenen Rot- und ebenso vielen Weißweinen vertreten. Wunderbar ist die Jahrgangstiefe beim Riesling, der bei Koehler-Ruprecht konsequent in Holzfässern spontan vergoren wird und zum Reifen geeignet ist. Bis 1983 geht etwa die Kallstadter Saumagen Auslese auf der Karte zurück.

Deftig-deutsche, aber ambitionierte Speisekarte 

Der gebackene Handkäse von der deftig-deutschen, aber ambitionierten Speisekarte ist ein großartiger Einstieg: Küchenchef Schmidt macht aus dem sonst quietschtrockenen Handkäs aus Sauermilch einen außen schön fettig und knusprig frittierten, innen flüssigen Käsenocken, den er mit einem fruchtigen Weintraubenkompott und frischen Blattsalaten kombiniert. Der Kallstadter Saumagen vom Weingut Petri, den es dazu gibt, ist aus dem Jahr 2015 und hat schon eine schöne Mineralität, noch aromatischer und fruchtiger ist jedoch der 2013 Hattenheimer Engelmannsberg Riesling Kabinett trocken von Augst Eser. Nachdem ich mich gewissermaßen von hinten an den älteren Jahrgang herangetastet habe, öffnet der Wirt einen 2001er Kallstadter Saumagen Riesling von Koehler-Ruprecht, der eine viel intensivere, kalkige Mineralität hat und einfach stimmig ist.

Das Pfälzer Blatt, ein Dreierlei aus würzigem Saumagen, Leberknödel und Bratwurst, passt dazu hervorragend. Dieses so typische Gericht wurde hier nicht neu erfunden, sondern klassisch mit einem weinsauren Kraut, Kümmel und Speck gemacht. So eine Qualität bekommt nur hin, wer Tier, Wein sowie dem Können von Metzger und Koch Zeit zum Reifen gibt. Natürlich war früher nicht alles besser. Manchmal gibt es nur keinen vernünftigen Grund, gleich alles zu ändern. Wen genau dieses Gefühl öfter beschleicht, der ist in den Kurpfalz- Weinstuben bestens aufgehoben.

Kurpfalz-Weinstuben, Wilmersdorfer Str. 93, 10629 Berlin. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag ab 18.Uhr, Montag ist Ruhetag