Ich werde einen Teufel tun und mich auch noch zur #MeToo- Debatte äußern. Manchmal sollte man einfach nur schweigen und zuhören, finde ich. Deshalb nur so viel: Ich habe ein Anliegen bezüglich Frauen in der Küche. Es gibt zu wenige von ihnen in den Profiküchen. Hier ist die Männerkonzentration hoch. Viel zu hoch. Nur neun von 300 Sternerestaurants werden von Frauen geführt. Anders ausgedrückt: Nur lächerliche drei Prozent aller deutschen Sterneköche sind weiblich.

Ich neige bei solchen heiß diskutierten Themen wie #MeToo zur kritischen Eigenanalyse. Ich habe mir über zweihundert alte Texte angeschaut und musste erschrocken feststellen: In den meisten geht es um Köche, praktisch nie um Köchinnen.

Darum nahm ich mir vor, künftig etwas mehr darauf zu achten, dass auch ich mich nicht nur mit den Brunftschreienden Alpha-Männchen dieser Branche beschäftige, sondern auch schaue, ob ich nicht jemand weniger Auffälliges dabei übersehe. Zum Beispiel eine Frau. Die perfekte Gelegenheit ergab sich letzte Woche. Ich war im Kin Dee in der Lützowstraße essen.

Thai-Küche als Fine-Dining-Erlebnis ist selten geworden. Den asiatischen Kulinarikwettkampf in Berlin haben Vietnamesen und Japaner für sich entschieden. Ich freute mich, dass somit im Kin Dee gleich zwei Ausnahmeerscheinungen zusammentreffen. Ein gehobenes Thai-Restaurant und mit Dalad Kambhu eine sehr talentierte Köchin.

Die Thailänderin Dalad Kambhu

Kambhu ist in Bangkok aufgewachsen, hat in New York gelebt und arbeitete als Model, bis sie genervt davon war und lieber für Freunde und Pop-up-Restaurants kochte. In Berlin wurde ihr Kochtalent vom Grill-Royal-Gastrotrio Moritz Estermann, Stephan Landwehr und Boris Radczun entdeckt. Sie ermöglichten der Autodidaktin die Eröffnung ihres ersten eigenen Restaurants. Ziemlich genau ein Jahr ist das her. „Iss gut“ heißt Kin Dee übersetzt. Es gibt ein festes Menü, das voller Aromen aus ihrer Kindheit steckt: Zitronengras, Kaffirlimette und Wildingwer.

Trotzdem bespielt die Köchin nicht einfach nur die übliche Thai-Geschmacksskala – schon bei den drei kleinen Vorspeisen mischen regionale Produkte und neue Ideen die Speisen auf. Etwa beim Yamswurzelgemüse, das mit einer Thai-Chili Paste glasiert ist, sind Waldhonigaromen wahrnehmbar, mit denen Karotten und Topinambur zuvor gebacken wurden. Dazu gibt es ein erdig-deutsches Rote-Bete Püree, das jedoch mit der in Asien üblichen Balance zwischen salzigen, süßen, sauren und scharfen Elementen gewürzt ist.

Mein Liebling ist der „Zweierlei Forelle“-Teller: Das Stück kurz geflammte Regenbogenforelle ist zart mit einem Thai-Kräuter Dressing überzogen. Die fast rohe Fjordforelle wurde im Ceviche-Stil zubereitet. Als Zwischengang folgt ein konfierter, weicher Oktopus Tentakel, nochmals kurz gegrillt, dessen Röstaroma wunderbar mit einer dunklen Soße namens Krapao harmoniert.

Frauen an den Herd!

Ich schmecke Knoblauch, Zucker, Chili und Fischsoße heraus, und etwas Ätherisches, das, wie ich gerade gelesen habe, wohl der verwendete „heilige Basilikum“ sein muss, nach dem die Soße benannt ist. Es ist ein grandioses Gericht. Ebenso mein Hauptgang. Das Wildschwein Pad Ped, also ein Brandenburger Wildschwein als Stir-Fry im Wok. Die Mischung zwischen dem vertrauten Wildschwein-Geschmack, dessen zartes, zerfallendes Fleisch kurz mit Mangold und Stangenbohnen im Wok geschwenkt wurde, und den Aromen von Chilischoten und Kaffirlimettenblätter ist genial. So eine moderne Thai-Fusion Küche hat mir in Berlin wirklich gefehlt.

Meine Forderung im Rahmen der #MeToo-Debatte lautet daher einfach: Mehr Frauen wie Dalad Kambhu an den Herd.

Kin Dee, Lützowstraße 81, Schöneberg, Telefon 2155294, geöffnet Di-Sa ab 18 Uhr