Dass ich bisher noch nicht im Restaurant Oderberger essen war, kann ich nur mit unbewusstem Widerstand erklären. Im Oktober vergangenen Jahres hat das Restaurant im ehemaligen Stadtbad Oderberger Straße eröffnet. Und soweit ich auf Bildern gesehen hatte, war es wunderschön geworden: ein klares, zeitgemäßes Design, das historische Details hervorhebt.

Das Restaurant selbst befindet sich im ehemaligen Heizkraftraum, drei offene Etagen, die an einer fünfzehn Meter hohen Backsteinwand liegen, aus der noch alte Drehregler ragen. Auch den Koch, Matthias Schmidt, ein Brandenburger, mochte ich. Zuvor war er Küchenchef im Restaurant der GLS-Sprachschule auf der Kastanienallee, in dem ich einige Male überraschend gut und für wenig Geld mittaggegessen hatte.

Bis vor kurzem habe ich praktisch neben dem Stadtbad gewohnt, einem Neorenaissance-Bau aus der Kaiserzeit; auch deshalb habe ich sein Schicksal über die Jahre sehr emotional verfolgt. Als ich hinzog, hatte das Schwimmbad schon geschlossen, doch ich habe so einige Partys im leeren Becken feiern dürfen. Später hoffte ich, der Anwohner-Genossenschaft möge es gelingen, genügend Geld für die Sanierung aufzutreiben. Vom Verkauf an das GLS-Sprachschul-Konsortium und dem Umbau in ein Boutiquehotel samt Luxusschwimmbad, Kaminbar und Restaurant war ich nicht so begeistert. Dass ich das Restaurant nun doch besuche und ganz hingerissen bin, habe ich einer belgischen Freundin zu verdanken, die mich arglos dort zum Essen hinbestellte.

Essen im alten Stadtbad

Die Tischdeko mit goldfarbenen Platztellern finde ich zwar unnötig edel, zum Glück ist das Essen aber nicht so: Aus einem großen Brotkorb, der herumgereicht wird, wähle ich ein knuspriges Baguettestängelchen, zu dem die Küche als Gruß etwas Bärlauch-Öl, Rote-Bete- Kirchererbsenaufstrich und eine selbstgemachte Gänse-Leberwurst schickt.

Auch mein Saiblings-Tatar ist eine Wucht, der Geschmack wurde bis auf etwas Zwiebeln, Öl und Zitrone pur belassen. Spielerisch ist dagegen die Interpretation der begleitenden Pumpernickel und des Spreewälder Gurkensalats: Roggenschrotbrösel sind in einen süßlichen, dünnen Teig-Chip eingebacken, von der Fischhaut gibt es dazu einen salzigen Cracker; der Gurkensalat bringt die fehlende Essigsäure, die von einer Meerrettich-Mayo kontrastiert wird.

Das Gericht steht auf der ganzjährigen „Dit is Berlin“-Karte – für die Matthias Schmidt regionale Klassiker wie Königsberger Klopse oder Himmel und Erde modernisiert. Daneben gibt es eine Winterkarte, meine Freundin hat darauf das Duett vom Blumenkohl mit Wildschinken als Vorspeise gewählt. Auch hier überzeugen wieder die Zutaten, auf deren Eigengeschmack die Küche setzt. Das Mini-Blumenkohl-Röschen ist nur blanchiert, dafür hat das cremige Püree eine Räuchernote, zu der ganz simpel ein aromatischer Wildschinken serviert wird. Regional, das merkt man sofort, ist hier nicht nur ein Slogan: Das Lamm stammt aus Ruppin, das Wild aus der Schorfheide, der Fisch aus Rottstock und Obst und Gemüse aus Werder.

Das neue Restaurant Oderberger

Mein Hauptgericht ist ein Schwarzfederhuhn von so erstklassiger Qualität, dass ich kein anderes Hühnerfleisch mehr essen möchte. Brust und Keule sind perfekt gebraten, die Haut ist kross und salzig, und innen fließt heiß der Bratensaft heraus. Den gibt es auch als Soße, von der ein herrliches Trüffelaroma aufsteigt. Kaum gewürzt, weil nicht nötig, ist auch das Schwarzwurzel-Karotten-Gemüse. Einziger Langweiler auf dem Teller ist das Graupenrisotto, was man angesichts all der anderen herrlichen Aromen aber verzeiht.

Eine solche gute, nicht überkandidelte Landküche habe ich im Berliner Umland schon lange gesucht. Es ist ein wenig schade, dass ich sie nun ausgerechnet im ehemaligen Stadtbad Oderberger Straße finden musste.

Restaurant Oderberger, Oderberger Straße 57, Prenzlauer Berg
Di–Sa 18–24 Uhr, Telefon 78008976811