Gastro-Kritik: So gut schmeckt es im Orania in Kreuzberg

Ehrlich gesagt, habe ich nicht lange überlegt, ob ich ins Orania gehen soll, auch wenn manche finden, dass es für den Tod von Kreuzberg verantwortlich sei. „Orania kills Kreuzberg“ und „Euer Luxus ist unsere Armut“ hatte jemand aus Protest gegen das neue Luxushotel mit Restaurant auf der Oranienstraße an Hauswände und auf Plakate gepinselt. Auch der grüne Baustadtrat hatte das Orania einen „Baustein der Gentrifizierung“ genannt.

Ich habe nicht vor, mich für meinen – sehr gelungenen – Abend dort zu rechtfertigen. Doch auch ich spüre: Ich kann nicht nur über das großartige Essen dort schreiben. Bevor ich Ihnen also verrate, wie es dort schmeckt, will ich mich positionieren: Diese Stadt lebt vom Wandel. Er ist ein Grund, warum so viele Menschen nach Berlin wollen, zum Beispiel Talente wie Philipp Vogel, der Küchenchef und Hotelmanager des Orania. Er hat niemandem einen Job weggenommen, sondern hat dort Jobs geschaffen.

Auch hat er niemanden verdrängt: Das, was jetzt ein Hotel mit restaurierter Jugendstilfassade ist, war eine urinstinkende und baufällige Häuserecke, in der schon seit einem Jahrzehnt keine Off-Kultur mehr stattfinden konnte. Individuelle Läden wie das Orania sind ganz sicher nicht Kreuzbergs Tod. Und die Gastronomie ist heute eine tragende Säule der Berliner Wirtschaft, ohne deren Einnahmen die Stadt sicher noch mehr kaputtgespart würde, als es ohnehin der Fall ist.

Ich nahm mir also vor, den Abend im Orania Restaurant zu genießen, sofern die Küche es erlauben würde. Und das tat sie.

So schmeckt es im Orania

Philipp Vogels Kochkunst ist raffiniert, ohne anstrengend zu sein, weil er sich auf maximal drei Zutaten pro Gericht beschränkt, die er mit jeweils unterschiedlichen Methoden zubereitet. Anstrengend ist leider, die Speisekarte zu lesen. Sie besteht aus einer losen Blattsammlung in verschiedenen Farben und Formaten. Die längs gefaltete Dessertkarte segelt auf den Boden. Ich brauche eine Weile, bis ich das Konzept verstehe: Es gibt einzeln bestellbare Vor-, Haupt- und Zwischengerichte, außerdem drei Sharing-Gerichte, die man mindestens zu zweit bestellen muss.

Zum Glück bin ich mit meinem Mann da, und obwohl er teilen hasst, überrede ich ihn zur „Schweinerei“ – drei Teller rund um Produkte vom Schwein, die asiatisch inspiriert sind.

Als Vorspeise wähle ich die Parmesan-Tortelloni. Sie sind wunderbar schmelzig, aus ihrem Inneren ergießt sich flüssiger Parmesan, der sich mit kaltem Sud vom Blattsalat und Zitronensäure mischt. Ich habe keine Ahnung, wie man das Aroma von Salat so konzentriert hinbekommt; toll auch der feste Kontrast: ein paar knackige Salatblätter, die mit Ingwer, Zucker, Essig und etwas Knoblauch fermentiert wurden.

Ein Luxusrestaurant in Kreuzberg

Philipp Vogel hat sich in Wien, wo er im Palais Hansen Kempinski arbeitete, einen Stern erkocht. Von dort hat er auch sein berühmtestes Gericht mitgebracht: einen knusprigen Schweineschwanz. Beim Dreierlei vom Schwein gefällt der mir am besten: Das der Länge nach aufgeschnittene Schwänzchen schmeckt ganz einfach wie das beste Stück Kruste vom Schweinebraten, das ich je gegessen habe. Der Kontrast zu einer mit Miso gerösteten Aubergine, die butterweich ist, passt wunderbar.

Asiatisch gebeizt ist auch der lauwarme Schweinebauch, dünn wie ein Carpaccio tranchiert und mit koreanischem Kimchi kombiniert, der aber – was Schärfe und Vergärung angeht – zurückhaltend ist. Die Rippchen sind nun wiederum die Favoriten meines Mannes, zeitgenössisch in eine fruchtige BBQ-Marinade gehüllt und von kalten Soba-Nudeln mit Erdnusssoße begleitet – alles handwerklich perfekt umgesetzt.

Wer nicht ins Orania will, weil er ein Luxushotel mitten in Kreuzberg Mist findet, dem sei gesagt: Auch das ist okay. Berlin hat inzwischen um die 1 500 Restaurants – es gibt genügend Auswahl.

Orania Restaurant, Oranienplatz 17, Kreuzberg, Montag bis Sonntag ab 18 Uhr, Telefon: 695 396 80