Manchmal laufe ich wie eine Touristin durch die Stadt, selbst nach zwanzig Jahren in Berlin. Erst kürzlich entdeckte ich so eine Ecke wieder, die ich fast vergessen hatte. Ich fuhr mit dem Fahrrad die Spree entlang, zwischen Jannowitzbrücke und Mühlendamm. Rolandufer heißt der Abschnitt, wie ich jetzt weiß.

Nach den Berliner Wasserwerken kommt man an der Alten Münze vorbei. Ich war dort vor Jahren in einem Pop-up-Restaurant; die Münzproduktionsstätte der DDR sattelte zwar 1990 erst auf D-Mark und dann auf Euros um, musste 2005 dennoch aufgeben. Seitdem dürfen Kreative den 18.000 Quadratmeter großen Komplex zwischennutzen.

Noch immer hat dieses streng gegliederte Industrieareal Charme, aber ich war überrascht, was sich dort alles getan hatte. Bund und Land, denen das Areal gehört, haben es vor fünf Jahren einer Kreativgemeinschaft namens „Spreewerkstätten“ überlassen. Diese haben mehr und mehr Flächen nutzbar gemacht und einen bunten Mix ermöglicht: Studios, Ateliers von Musikproduzenten und Künstlern, der Firmensitz von Lemonaid und ChariTea, eine Videokunstausstellung – und nicht zuletzt ein märchenhaftes Café namens The Greens.

Ich möchte Ihnen den Besuch ans Herz legen, nicht nur wegen des günstigen und gesunden Mittagsessen, dem selbst gebackenen Kuchen oder dem Latte Macchiato mit geschäumter Brodowiner Ökomilch, sondern einfach so: Solche Orte sind in Berlin vom Aussterben bedroht.

Vier-Flammen-Kocher und Backofen

Das Café ist sehr klein, fast so, als träte man in eine verwunschene Puppenstube ein. Vor einer hellblau gestrichenen alten Wandvertäfelung hängen Pflanzen, hinter dem Tresen stehen historische Küchenutensilien aus den 50er-Jahren. Serviert werden die Speisen auf Geschirr von Berliner Trödelmärkten. Wegen der hohen Sprossenfenster und des vielen Grüns wirkt der Raum nicht beengt, sondern wie eine Oase der Ruhe inmitten eines Industriedenkmals.

Im Sommer kann man auf zwei Bänken im Hof vor der Tür sitzen oder bald, wie die Bedienung mir erzählte, im gegenüberliegenden Münzgarten. Bei meinem Besuch waren die Arbeiten noch im Gange: Hochbeete wurden angelegt und Stadtbienen angesiedelt. Der Honig und das Gemüse und die Kräuter aus dem Urban-Gardening-Projekt sollen irgendwann auch im Café verwertet werden.

Nachhaltigkeit ist aber schon jetzt das Motto für das vegetarische und vegane Angebot vom Greens Café. Das Angebot wird an die Jahreszeiten angepasst. Zurzeit gibt es gebackene Bio-Süßkartoffeln mit Quarkdip, eine Quinoa Bowl mit Brokkoli sowie eine Tomaten-Mango-Suppe auf der Tageskarte. Die Auswahl ist nicht umwerfend, aber wohl das Maximum, das man hinter dem winzigen Küchentresen mit einem Vier-Flammen-Kocher und einem Backofen anstellen kann.

Süß und salzig

Und es schmeckt hausgemacht. Bei der leicht scharfen, fein passierten Suppe nehme ich ein deutliches Raucharoma wahr, weil die Tomaten zuvor in der Reine gegrillt wurden – ein einfacher Trick, der zusammen mit dem Mangosaft aus der oft langweiligen Tomatensuppe ein erinnerungswürdiges Gericht macht.

Gut schmeckt auch die Ofen-Süßkartoffel mit dem cremig gerührten Kräuterquark, zu der begleitend ein kleiner Salat aus Babyspinat, Rucola, Petersilie und Sonnenblumenkernen kommt; dazu Zitrone und Olivenöl – so simpel und gut ist das Dressing. Ebenso geradeaus ist das süße Angebot: Milchreis mit Apfelmus, veganes Bananenbrot, Haferflockenmuffins und ein einfacher Zitronensandkuchen.

Machen Sie es wie ich – verlieren Sie sich wieder einmal als Tourist in der eigenen Stadt. Es ist wunderbar.

The Greens Coffee and Plants, Am Krögel 2, Mitte, Mo–Fr 10–18 Uhr, Sa–So 12–18 Uhr