Als es noch Restauration Tucholsky hieß und nicht Tucholsky’s, war es sicher nicht perfekt. Zuletzt schien das alte Tucholsky mächtig aus der Zeit gefallen zu sein: die abgehängte Decke, der Siebzigerjahre-Plattenbau auf der Torstraße, das Angebot aus Pökel-Eisbein, Spreewälder Sauerkraut, Leipziger Allerlei, Bulette mit Brot und der üblichen Gemüsepfanne für Vegetarier. Das taugte nicht als Sehnsuchtsort der Neuen Mitte, in der man zwischen Dudu, Mani, Noto und Bandol hin und her wandert.

Die, die noch hingingen, kamen vielleicht aus Sentimentalität, weil es den Laden schon zu DDR-Zeiten gab; vielleicht auch wegen des Namensgebers. Denn jeder freie Platz an den Wänden war hier Dokumenten, Fotografien und Büchern Tucholskys vorbehalten.

Dass sich das auf der Torstraße nicht ewig halten konnte, wundert mich nicht. Doch was nun daraus geworden ist, hat der „kleine, dicke Berliner, der mit der Schreibmaschine eine Katastrophe aufhalten wollte“, wie Erich Kästner ihn einmal beschrieb, nicht verdient.

Mein Abend im Tucholsky’s begann zunächst einmal damit, dass sich alles in mir gegen den Apostroph sträubte. Ich vermute, die Betreiber wollten es nach englischer Manier schreiben. Aber in Berlin ein Restaurant Tucholsky’s zu nennen, halte ich für einen Fehler.

Anfangs dachte ich: Womöglich bleibt die Rechtschreibung ja der einzige Fauxpas. Es tut mir leid, so ist es nicht, denn auch die Küche hier macht viele Fehler. Zum Beispiel beim Schweinekrustenbraten, der mir als Hauptgericht des Menüs serviert wurde. Ein Kollege, der mich begleitete, sprach von „solidem Kantinenniveau“. Doch fast schlimmer noch als das trockene, außer nach Salz nach nichts schmeckende Fleisch ohne nennenswerte Kruste war der Knödel. Eigentlich richtig „gesemmelt“, nämlich aus eingeweichtem alten Weißbrot, war er im Wasser zerkocht worden bis zur Formlosigkeit. Er zerfloss auf dem Teller und mischte sich unter die gestreckte Soße, in der wiederum hauptsächlich Salz herauszuspüren war.

Gut, könnte sein, dass die Küche Braten und Knödel nicht beherrscht, doch die anderen Gerichte auf der sehr deutsch gehaltenen Karte waren nicht besser. Wer heute Königsberger Klopse, Roulade und Schnitzel anbietet und diese ziemlich originalgetreu, also ohne neue Impulse, nachkocht – der muss handwerklich überzeugen.

In diesem Restaurant, das die Betreiber der Neuen Odessa Bar übernommen haben und in ein schwarzes, an eine Hotellobby erinnerndes Ambiente getaucht haben, ist die Küche damit aber spürbar überfordert. Das Zanderfilet mit Belugalinsen und Kräuterfenchel war komplett fade. Bei den Linsen blieben die Köche immerhin konsequent: Sie waren hauptsächlich salzig, wie der Braten. Und gegen die Beilage, eine aus dem Wasser gezogene halbierte Fenchelknolle mit Rosmarinzweig, rebellierten meine Geschmacksnerven.

So kalt, dass es kaum zu trinken war

Ähnlich unüberlegt fand ich bereits die Zusammenstellung meines Menüs. Vor dem Schweinebraten einen Feldsalat zu servieren, ist in Ordnung, aber warum legt man dazu dicke, labbrige Scheiben vom Schweinebauch? Vorspeise und Hauptgang, zweimal das Gleiche? Wirklich? Nichts daran war knusprig, süßlich glasiert oder in puncto Aromen anders gedreht.

Es tut mir furchtbar leid, nun kommt noch der Todesstoß für Gastronomen, die bislang im Bargeschäft zu Hause waren. Wir hatten uns einen trockenen Riesling Kirchenstück Kabinett vom Gut Künstler bestellt. Es kam eine eiskalte, und ich meine eiskalte, Flasche, die so kaum zu trinken war. Die Betreiber, sehr erfolgreiche Barbesitzer, wollten ein ernstzunehmendes Restaurant eröffnen, „um mit dem eintönigen, schweren Image der deutschen Küche in verstaubten Wirtsstuben“ aufzuräumen. Wären sie nur beim Cuba Libre geblieben.

Tucholsky’s

in der Torstraße 189, 10115 Berlin,

Tel. 27 58 20 53.

Täglich ab 18 Uhr, warme Küche bis 1 Uhr.

In Schwarz wird gespeist: Vorspeisen kosten hier 6–9, Hauptgerichte 11,50–18, das Dreigangmenü 28 Euro.

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