Diese Woche habe ich zum ersten Mal ein sogenanntes Ghost-Restaurant getestet. Das sei der neueste Trend aus den USA, wurde mir gesagt. Der Inhaber und Koch, der es in Berlin eröffnet hat, heißt Marcel Brixel, sein Ghost-Restaurant Eat-it. Ich habe mit ihm telefoniert, denn besuchen konnte ich es nicht.

Ein Ghost-Restaurant hat nämlich keine Teller, keinen einzigen Tisch oder Gastraum, erklärt mir Brixel. Nur eine Webseite, auf der ich das tagesaktuelle Menü – Gurkensalat mit Harissa, ein Kräuter-Risotto mit Tahini-Sauce, ein Rinder-Blankett mit lilafarbenen Karotten – sowie ein paar feste Standards und Nachspeisen bestellen kann.

Natürlich habe ein Ghost-Restaurant aber echte Köche, erklärt Marcel Brixel – mit ihm sind es fünf insgesamt – und eine Küche. Diese befinde sich in Spandau, doch in Mitte zu essen, sei kein Problem. Mein Mittagessen könne ich mir entweder an der Pick-Up-Station in der Chausseestraße abholen. Oder es mir für knapp zwei Euro Gebühr liefern lassen, sofern ich maximal zwei Kilometer von dort weg wohne.

Brixel klingt so begeistert von seinem Konzept, dass ich mich nicht traue, ihn zu unterbrechen. Ich lege auf und klicke auf das Rind mit den lilafarbenen Karotten sowie für meine Kollegin auf das Risotto. Ganz ehrlich? Überzeugt bin ich nicht. Ein Ghost-Restaurant scheint mir eher ein Rück- und kein Fortschritt. Ich dachte, wir hätten in der Gastro-Evolutionsgeschichte die reinen Lieferrestaurants hinter uns gelassen.

Essen aus dem Ghost-Restaurant

1985 eröffnete der erste Call-a-Pizza in Deutschland, ein Laden, der keinen Gastraum mehr hatte und nur auslieferte. Das war neu. In den folgenden Jahren überzogen schlechte Lieferdienste die Stadt. Heute riskieren Fahrradkuriere mit Deliveroo- oder Foodora-Boxen ihr Leben, um Leuten Essen aus ihren Lieblingsrestaurants nach Hause zu bringen. Ein Problem bleibt für mich aber immer bestehen: Der Weg vom Pass, der Ausgabestelle der Küche, zum Gastraum beträgt normalerweise nur ein paar Meter. Angerichtetes Essen, das bestätigt jeder gute Koch, verliert mit jeder Minute und jedem gefahrenen Meter an Qualität – an Temperatur, Konsistenz, Farbe und Aroma.

Auch das Eat-it kämpft mit diesem Problem. Trotzdem bin ich erstaunt. Ich hatte ambitionierte Kantinen-Qualität erwartet – aber es ist viel besser.

Ein Jahr habe er nur an seinem Rezeptepool herumprobiert, sagt mir Brixel. Er suchte Kreationen, welche möglichst wenig durch den Weg verlieren. Als Koch in 5-Sterne-Hotels hat er unter anderem in Dubai und Neuseeland gearbeitet, weshalb er auch aus fast allen Kontinenten etwas anbietet.

Essen selbst abohlen

Als ich mein Rind aus dem umweltfreundlichen Thermokarton etwa zehn Minuten nach Abholung auspacke, ist es nicht mehr ganz heiß. Aber das Gemüse ist erstaunlich aromatisch, knackig und optisch noch schön anzusehen. Qualitätsmäßig sind die kleinen Drillingskartoffeln und die lilafarbenen Möhren gut eingekauft, dann simpel zubereitet: als Ofengemüse mit Butter und frischem Thymian, von dem sich Zweigchen finden. Das Rind ist als Gulasch in dicken Würfeln geschmort, mit einer sämigen, kraftvollen Sauce aus Zwiebel und Wurzelgemüse. Es schmeckt hausgemacht und ist das perfekte Liefergericht.

Ebenso gut hat sich geschmacklich das Risotto meiner Kollegin gehalten. Es ist nicht matschig, sondern locker, mit reichlich Parmesan, der den Reis nicht verklebt. Dazu kombiniert Brixel verschiedene Gemüse in einer indisch inspirierten Tahini-Sauce. Die Aromen sind sorgfältig ausbalanciert, Kardamom, Curry und die Tahini-Sesampaste – nichts dominiert.

Ich muss mich für meine Skepsis also entschuldigen. Das Essen ist gut. Im Eat-it arbeiten ambitionierte, leidenschaftliche Köche, das merkt man. Nur schade, dass sie kein Restaurant eröffnen.

www.fandbit.com, Pick-up-Stationen:  Chausseestraße 122 (Mitte), Gartenfelder Str. 28 (Spandau)