Berlin - Der Graf sagt, hier gäbe es die „beste Boulette der Stadt“. Ich bin nicht sicher, ob er ein richtiger Graf ist. Das Wort kommt zumindest in seinem Namen vor. Eigentlich tut das auch nichts zur Sache. Denn ich bin mir fast hundertprozentig sicher: Der Graf irrt nicht.

Er hat einen erlesenen Geschmack. Der Graf führt eines der schönsten und besten Hotels dieser Stadt, den Brandenburger Hof. Jeden Tag kommen neue Gäste. Italiener, Franzosen, Amerikaner, Israelis und viele Deutsche aus dem Süden der Republik. Sie alle essen bei ihm, er beschäftigt einen finnischen Sternekoch. Doch irgendwann fragen sie ihn: Wo gibt es die beste Boulette der Stadt?

Sie sagen natürlich nicht genau das. Sie fragen nach Frikadelle, Fleischpflanzerl, Hackfleischbrötchen, Fleischküchle, Fleischklößchen, Bulette oder auch Brisolette. Und fast immer fragen die Männer, so hat es der Graf mir erzählt. Für Männer ist die Boulette die perfekte Mahlzeit.

Die Stadt Napoli hat seine Pizza, Madrid die Cocida, Berlin die Boulette. Angeblich haben die Truppen Napoleons die Boulette Anfang des 19. Jahrhunderts an die Spree gebracht. Der Graf hat lange nach der besten Boulette gesucht, für seine Gäste, sagt er. Die beste, so hat er entschieden, gibt es im „Diener Tattersall“ in der Nähe vom Savignyplatz. Seine Gäste werden nun dorthin hingeschickt.

Auch ich habe mich auf den Weg gemacht und einen wahren Schatz entdeckt, wie es im Westen der Stadt noch möglich ist. In Mitte eröffnet zwar ständig ein neuer Laden, doch wiederholt sich das gastronomische Konzept: Ein bisschen altes Mauerwerk, darin viel Chi Chi und eine deutsch inspirierte Karte mit viel Filet und Steak, aber die Boulette fehlt.

Auf ein Gläschen Champagner

Anders im Diener Tattersall, hier wird nichts neuinterpretiert, hier ist alles original. Der Name Tattersall kommt von dem englischen Pferdeauktionär Richard Tattersall, weil an dieser Stelle früher eine Reithalle und eine Restauration stand. Es heißt, Kaiser Wilhelm II. habe hier nach der Jagd auf ein Gläschen Champagner angehalten, das er in Gesellschaft von Damen trank. Kaiser und Reithalle gibt es nicht mehr, das Lokal blieb. Franz Diener, ein ehemaliger deutscher Meister im Schwergewichtsboxen, übernahm es und machte den Diener Tattersall zur Künstlerkneipe.

An den Wänden hängen um die 500 Bilder bekannter Gesichter, viele heute alt oder tot. Drinnen ist es duster und es riecht, wie ein Restaurant mit solch einer Geschichte riechen muss: nach kaltem Rauch. Auch das Essen ist eine Zeitreise. Es gibt Strammen Max, Wurstsalat, Bauernsülze, Matjesfilet, und zwar so, wie man sie schon immer serviert hat.

Mich interessiert natürlich die Boulette, der Grund, warum ich hier bin. Ich liebe die bayerischen Fleischpflanzerl meiner Mutter, mit der Berliner Boulette habe ich bisher gefremdelt. Das ist vorbei, mit der Tattersall-Boulette wird Berlin seinem Ruhm als Bouletten-Metropole gerecht. Ich esse sie mit Kartoffelsalat und in der Variation mit Spiegelei über dem Fleischklops.

Der Kartoffelsalat ist gut gemacht, aber Durchschnitt. Anders die sehr heiße und gerade frisch gebratene Boulette. Ich glaube, ihr Geheimnis ist ihr Purismus: Das Fleisch, gemischtes Hack, ist sehr fein hachiert, nichts Grobes lugt aus der perfekt geformten, oben und unten angeflachten Kugel heraus, nicht ein einziges unsauberes Zwiebelstück. Meine Mutter mischt dem Hack immer alles Mögliche unter: Semmelbrösel, klein gehackte saure Gurken, Paprikapulver, Eigelb. Hier sind die Gewürze bis auf etwas Salz, Pfeffer und Senf sehr zurückgenommen, so dass der Eigengeschmack des Hacks dominiert. Die Tattersall-Boulette schmeckt saftig, aber ganz und gar nicht fettig, ja wirklich perfekt. Der Graf hat nicht übertrieben.

Diener Tattersall
Grolmanstraße 47
täglich ab 18 Uhr
Telefon: 881 53 29
www.diener-tattersall.de