Berlin - ie viele Menschen träume ich manchmal von einem anderen Leben. Ich kenne zum Beispiel einen Wirtschaftsanwalt, der seine sehr teuren Abrechnungen gegen eine sehr teure Kaffeemaschine eingetauscht hat und nun Latte Macchiato im eigenen Café schäumt. Ich kenne einen israelischen Journalisten, der in Berlin als Korrespondent gearbeitet hat und sich nun auf Hummus-Speisen in seinem Laden spezialisiert.

In einem türkischen Restaurant traf ich diese Woche eine Schauspielerin, die lange genug die Klischee-Rolle der Türkenbraut gegeben und diese nun gegen die Rolle der Gastgeberin eingetauscht hat. Zusammen mit ihrer Geschäftspartnerin Arzu Bulut eröffnete Lale Yanik, so heißt die Schauspielerin, im Juni „Osmans Töchter“, ein Restaurant, in dem man sich sofort wohlfühlt.

Als Nicht-Gastronom kann man so einen radikalen Berufswechsel ja auch spektakulär vermasseln. Nicht so die beiden Frauen, was Lage, Idee, Einrichtung und Speisekarte angeht, haben sie alles richtig gemacht.
In Prenzlauer Berg sind Asien, die USA und die EU-Länder unter den Bewohnern und Restaurants gut vertreten. Nur für die Türken muss man in den Wedding oder nach Kreuzberg reisen. Gerade bei den türkischen Restaurants scheint die Zeit jedoch konserviert. Eine moderne türkische Küche, wie sie etwa in Istanbul längst lebt, findet man dort kaum.

Türkisch mit deutschem Koch

„Osmans Töchter“ füllt also gleich zwei Lücken. Optisch zeigt sich der moderne Zeitgeist durch schlichtes Glas-Beton-Holz-Interieur statt schwerem Orient-Kitsch. Kulinarisch ist es eine gelungene Mischung aus Traditionellem und Neuem. Man findet auf der Karte zum Beispiel ein türkisches Risotto aus Reisnudeln, statt Parmesan gibt es Schafskäse, und türkisch ist auch das Gemüse, die karamellisierten Paprika.

Lale Yanik erzählt, sie habe für ihr Restaurant keinen türkischen Koch finden können, der nicht wie in den 70er-Jahren zubereitet. Daher habe sie lieber einen deutschen Jungkoch eingestellt, der zwar nicht die türkische Küche, dafür aber die türkischen Produkte gut kennt. Zu seiner Unterstützung stellten die Gründerinnen drei türkische Hausfrauen aus ihrem Bekanntenkreis ein, bei denen sie immer gern gegessen hatten. Sie kümmern sich vor allem um die Meze, die Vorspeisen.

Meine gefüllten Weinblätter sind klassisch gemacht, etwas fester als ich sie das letzte Mal gegessen habe und mit einem Schuss mehr Weinsäure und frischer Zitrone. Sehr gut ist auch der im Teigmantel frittierte Ziegenkäse, der mit einem leichten Herbstsalat und marinierten Feigen gereicht wird.

Fantastischer Schwertfisch-Kebab

Satt wie ein Hauptgericht macht die Ayran Corbasi, die warme Joghurt-Suppe. Ich hatte etwas Leichtes und Frisches erwartet, so wie den salzigen Ayran-Drink. Doch die Suppe ist ein dicker Eintopf, weil Weizenkörner und Kichererbsen mehlig gekocht und unter den warmen Joghurt gerührt werden. Ich nehme die Suppe als meinen Bestellungsfehler hin, zumal ich sie als Vorspeise bestellt habe, denn ihre einzelnen Elemente, die mit frischer Minze und etwas Chili abgeschmeckt sind, harmonieren durchaus.

Mein Hauptgericht, ein Schwertfisch-Kebab, sieht fantastisch aus. Die gegrillten Fischstücke sind aufgespießt und wie Feuerscheite über einem geraspeltem Sellerie-Walnusssalat angerichtet. Dazu gibt es Scheiben geröstetes Knoblauchbaguette. Der Selleriesalat ist mit Weinessig und dem Saft von süßen Orangen angemacht, das Erdige des Sellerie, das Nussige, Süße und Saure ist eine in vielen Ländern bewährte Kombination, die sehr gut zum Fisch passt. Türkisch daran ist hier allenfalls der Kebab-Spieß – ein optisches Klischee wird hier weltoffen eingesetzt, genau wie es sich die Schauspielerin Lale Yanik in ihren Rollen manchmal gewünscht hätte. Ihr Wechsel zur Gastronomin ist daher nur konsequent.