Am kommenden Mittwoch soll der Großauftrag für Siemens unterschrieben werden. Ägypten kauft 24 Gasturbinen im Milliardenwert vom Technologiekonzern – und zwar die leistungsfähigsten, die Siemens zu bieten hat. Der ägyptische Staatspräsident Abd al-Fattah as-Sisi und Vorstandschef Joe Kaeser werden mit ihren Unterschriften dem Standort Berlin viel Arbeit verschaffen: Denn die Gasturbinen werden im Werk in der Huttenstraße (Moabit) hergestellt. Der Vertrag garantiert dem Werk eine Vollauslastung für die nächsten zwei Jahre.

Das ist die neue, gute Nachricht. Die schlechte ist schon bekannt. Siemens will im Gasturbinenwerk, das eine 110-jährige Tradition vorweisen kann, 800 Stellen von 3800 streichen. Das hatte Kaeser erst Anfang Mai bekanntgegeben. Die Arbeitnehmervertreter wollen dies nicht kampflos hinnehmen. Am Freitagabend hatten sie Berlins Regierenden Bürgermeister Michael Müller (SPD) ins Werk Moabit eingeladen, um die Probleme zu besprechen. An dem Treffen nahmen auch Vertreter des Siemens-Konzerns teil.

Verlust von Kompetenz

Der Betriebsratschef des Gasturbinenwerkes, Günther Augustat, betonte, dass die Arbeitnehmervertreter in der Ankündigung zum Stellenabbau einen klaren Widerspruch zur Auslastung des Werkes sehen. Mit dem Abbau und der Auslagerung von Fertigung würde das Werk, dessen Erzeugnisse zu 90 Prozent in den Export gehen, viel Kompetenz verlieren, „und was an Arbeit einmal weg ist, kommt nicht wieder“. Wenn die „brachialen Maßnahmen“ der Konzernführung realisiert werden, könne man nicht mehr schnell und flexibel auf Kundenwünsche reagieren. Statt Verlagerung vom Standort weg brauchten das Werk und die Mitarbeiter eine Standort-Kräftigung, damit möglichst viel Fertigung hier erhalten bleibe.

Siemens argumentiert dagegen, dass durch die Energiewende der Markt für Gasturbinen wegen der billigen Kohle und dem Vorrang für Erneuerbare Energien in Europa zusammengebrochen sei. Ein drastischer Preisverfall von 30 Prozent in wenigen Jahre sei die Folge gewesen, sagte Willi Meixner, Chef der Siemens-Sparte Power & Gas. Absatzmärkte gebe es vor allem im Nahen Osten und in Asien, und dort müsse man auch mit lokaler Produktion vor Ort sein.

„Schwer zu verstehen“

Der Regierende Bürgermeister kam im Gespräch gleich zum Kern: Es sei „schwer zu verstehen“, weshalb es nicht möglich sei, die Arbeitsplätze zu sichern, da doch auch der Konzern immer wieder die Kompetenz des Berliner Werkes betont. Gasturbinen würden weiterhin gebraucht, warum könnten sie dann nicht auch hier produziert werden?

Er hielt Siemens die Entscheidungen anderer großer Konzerne vor. BMW und Daimler investierten und schufen neue Arbeitsplätze, während Siemens abbaut. Solche Aussagen habe er von Siemens noch nicht gehört. Er und der gesamte Senat würden sich klare Antworten auf die Frage wünschen, wie die Perspektive von Siemens am Standort Berlin aussehe.

In den nächsten zwei, drei Wochen werden konkrete Gespräche zwischen dem Unternehmen und Arbeitnehmervertretern über die Neustrukturierung beginnen. Müller hofft, dass sie ergebnisoffen sind.