Berlin - Laut einer Umfrage des Magazins Stern ist der künftige Bundespräsident Joachim Gauck das zweitbeliebteste Vorbild Deutschland, nach Altkanzler Helmut Schmidt. Ganz volksnah gaben sich auch die Mitglieder der Berliner Fraktionen im Abgeordnetenhaus, die Gauck am Mittwoch besuchte. Er kam schon zum zweiten Mal, bei seiner ersten Kandidatur vor zwei Jahren hatte er sich auch im Abgeordnetenhaus vorgestellt. Die Wirkung scheint ungebrochen, auch wenn er wenig Neues zu sagen hatte.

Distanz zu Sarrazin

„Beeindruckend“ ist das Wort, dass man wieder und wieder von Abgeordneten der Fraktionen von CDU, Grünen und SPD hörte, den Fraktionen, die Gauck auch vorgeschlagen haben. „Pastoral“ ein anderes. „Es ist beeindruckend, wie die Biografie in ihm lebt, er ist der richtige Kandidat zur richtigen Zeit“, sagte Senator Michael Müller (SPD), als er aus dem Festsaal im Abgeordnetenhaus kam. Ähnlich äußerte sich Innensenator Frank Henkel, CDU. Die einstündige Sitzung war nicht öffentlich, Fraktionsmitarbeiter und Presse wurden ausgesperrt.

Mehrere Politiker lobten, dass Gauck sich in der Diskussion von den umstrittenen Thesen des Bestsellerautors Thilo Sarrazin distanziert hat. Seine Aussage, dass er die biologistischen Thesen nicht teile, freute vor allem die Grünen. „So deutlich habe ich das bei ihm noch nicht gehört“, sagte der Abgeordnete Dirk Behrendt. Ihn freue auch, dass Gauck betont habe, er wolle beim Thema Integration an die Arbeit seines Vorgängers Wulff anknüpfen. Wulff ist wegen seines Satzes, dass der Islam zu Deutschland gehöre, von den Muslimen verehrt worden. Nicht überzeugt war Linken-Fraktionschef Udo Wolf: „Gauck hätte sagen sollen, dass Sarrazin abstoßend und rassistisch ist. Stattdessen habe er relativiert.“

Kritik erntete Gauck auch von DGB-Chef Michael Sommer, der ihn darauf hinwies, dass sein Freiheitsbegriff zu eindimensional sei, das Soziale dürfe nicht vernachlässigt werden. Sommer ist Wahlmann, nominiert von der SPD. Otto Rehagel, der Star-Wahlmann der CDU, war nicht da, er hat derzeit Wichtigeres zu tun, am Samstag spielt seine Hertha gegen Bayern.

Zum ersten Mal auf seiner Rundreise durch die Parlamente begegnete Gauck in Berlin den Neuzugängen, den Piraten. Es imponiere ihm sehr, wie sehr sie sich einbringen würden, sagte er. Er betonte, dass Freiheit sein Hauptthema bleiben werde, „aber damit meine ich nicht die Freiheit von Pubertierenden“, fügte er hinzu. Fast hatte man den Eindruck, er nehme schon wieder ein bisschen Piraten-Lob zurück, zumal Gauck bei den Piraten selbst einen eher zwiespältigen Eindruck hinterlassen hat.

Lob von Wowereit

Fraktionsgeschäftsführer Martin Delius sagte, Gauck rede zwar von Freiheit, meine aber damit nicht die Freiheit des Netzes. „Er hat Angst vor dem Effekt des Internets auf die Demokratie und befürchtet eine Aushöhlung“, sagte Delius. Für Gauck können Veränderungen nur über das klassische Parteiensystem durchgesetzt werden, „wir wollen aber eine breitere Einbindung der Bevölkerung“. Die Piraten wollen weder Gauck noch Klarsfeld, die Kandidatin der Linken, unterstützten.

Er schätze Klarsfelds Verdienste, sagte Delius, das Amt des Bundespräsidenten sei aber keine Ehre, sondern eine Aufgabe. Wahlmann Delius werde sich enthalten oder die Stimme ungültig machen, sagte er. „Wir Piraten sind nicht angetreten, um am Ende das kleinere Übel zu wählen.“

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hob Gaucks offene Herangehensweise hervor. Er habe deutlich gemacht, dass er alle gesellschaftlichen Themen bearbeiten wolle und Antworten auf Probleme zusammen mit anderen finden wolle. „Gauck ist bereit, dazuzulernen“, sagte Wowereit.