Bad Belzig. Bundespräsident Joachim Gauck hat einen «Mentalitätswandel» gegenüber Asylbewerbern in Deutschland gefordert. «Wer meint, dass ihm durch die Asylbewerber etwas weggenommen wird, der irrt», sagte Gauck am Mittwoch beim Besuch eines Asylbewerberheims im brandenburgischen Bad Belzig. «Ich habe hier durchweg Menschen getroffen, die arbeiten können und die arbeiten wollen - die zum Teil sogar hochqualifiziert sind».

Gleichzeitig appellierte Gauck an die Politik, die bestehenden gesetzlichen Regelungen für Flüchtlinge zu überdenken. «Es mag Gründe geben, dass der ein oder andere Asylsuchende abgewiesen wird. Ich will die Behörden, die diese Entscheidungen fällen, nicht schelten», erklärte er. An Regelungen wie der Residenzpflicht oder dem generellen Arbeitsverbot für Flüchtlinge ließ Gauck aber deutliche Zweifel erkennen. «Und deshalb habe ich vor, in Gesprächen mit Abgeordneten, auch mit Regierungsmitgliedern, vor allem aber mit der eigenen Bevölkerung für mehr Empathie und mehr Sensibilität zu werben.»

In dem Wohnheim in Bad Belzig warten etwa 135 Flüchtlinge auf eine Entscheidung über ihre Asylanträge. Gauck nahm sich über zwei Stunden Zeit für seinen Besuch. Er sah sich die Unterkünfte an und suchte mit vielen Bewohnern das Gespräch. Nach Angaben einer Sprecherin Gaucks war es der erste Besuch eines Bundespräsidenten in einem Asylbewerberheims seit über 20 Jahren. Zuletzt hatte Richard von Weizsäcker Anfang der 1990er Jahre eine solche Unterkunft besucht.

Das Thema Asyl ist derzeit verstärkt in den Schlagzeilen. In Berlin campieren seit Wochen protestierende Flüchtlinge. Zwischenzeitlich traten sie in den Hungerstreik. Sie fordern bessere Bedingungen für Asylbewerber in Deutschland. Einige von ihnen war nach Bad Belzig gereist, um am Rande des Gauck-Besuchs für ihr Anliegen zu demonstrieren. Der Bundestag hatte die Aufhebung des umstrittenen Asylbewerber-Leistungsgesetzes Ende November mit großer Mehrheit abgelehnt. (dpa)