Nein, es ist nicht vergeblich, sich für eine Verständigung zwischen Moslems und Juden einzusetzen. Auch wenn das angesichts Hunderter palästinensischer Toter im Gaza-Streifen und Dutzender toter israelischer Soldaten im Moment so scheinen mag. In Berlin jedenfalls funktioniert eine solche Aussöhnung wenigstens noch.

Bereits am Donnerstag versammelten sich in der Neuköllner Karl-Marx-Straße mehr als einhundert Juden und Moslems, aber auch Christen und Atheisten, um zusammen – ja was eigentlich? Zusammen zu feiern wäre wohl angesichts der eskalierenden Gewalt kaum der richtige Ausdruck. Die Teilnehmer bildeten vielmehr spontan eine Menschenkette, fassten sich demonstrativ an die Hände und ließen verlauten: „Wir sind keine Feinde – stoppt die Hetze!“

Das war ein Erfolg, sagt Alice Meroz über den Flashmob. Meroz ist 38 Jahre alt und hat 2013 die Initiative Salaam-Schalom mitgegründet. Seitdem ist die Gruppe sehr aktiv, als nächstes plant sie eine Plakataktion, mit der gegen antiislamische Vorurteile gekämpft werden soll. Außerdem will die Initiative ein „Handbuch für Neueinwanderer“ mit Tipps für Migranten in verschiedenen Sprachen auflegen.

Jeder hat eine eigene Meinung

Am Freitag wurde jetzt die Salaam-Schalom-Initiative ins Schloss Bellevue in Tiergarten eingeladen worden. Bundespräsident Joachim Gauck hatte die jungen Leute empfangen. Zu der Gruppe gehören unter anderem der Rabbiner-Student Armin Langer und Ender Catin, vom Vorstand der großen türkischen Sehrtlik-Moschee.

Was die Versöhnungsaktivisten im Schloss Bellevue erwarteten? „Wir hatten ein sehr interessantes und ausführliches Gespräch“, sagte Meroz am Freitag. Der Bundespräsident verfolge die andauernden Kampfhandlungen mit allergrößter Sorge und ruft die Konfliktparteien dazu auf, alles zu tun, um zivile Opfer zu vermeiden und das Völkerrecht einzuhalten. Zum Krieg im Gaza-Streifen sagt Meroz: „Ich denke, dass jeder von uns dazu eine eigene Meinung hat, und die Auffassungen weichen auch bestimmt von einander ab“, sagt Meroz. „Aber wir leben hier in Berlin und unser Ziel ist es, die Verständigung zwischen den verschiedenen Religionen zu verbessern.“

Für die Gründung der Initiative gab es damals einen aktuellen Anlass: Rabbiner Daniel Alter, von der Jüdischen Gemeinde Berlin und dort für die Bekämpfung von Antisemitismus zuständig, war 2012 auf der Straße, vermutlich von arabischstämmigen Tätern, zusammengeschlagen worden. Nach dem Übergriff ließ sich Alter zu der Äußerung hinreißen: Neukölln und Wedding seien für Juden No-Go-Areas. Diese Stigmatisierung führte letztendlich zur Gründung von Salaam-Schalom.

Arabischer und hebräischer Friede

Denn Spannungen und Misstrauen sollten nicht weiter geschürt werden. Alters Äußerung stieß auf heftige Ablehnung. „Man kann nicht sagen, dass ganz Neukölln antisemitisch ist“, sagt Alice Meroz, die in Jerusalem und Tel Aviv gelebt und jüdische Geschichte studiert hat. Solche Aussagen haben die Gefühle muslimischer Familien verletzt, die hier leben und nicht antisemitisch sind“, sagt sie, „auch wenn sie die Politik Israels kritisieren.“

2009 war Meroz mit ihrem israelischen Mann aus Tel Aviv zurückgekehrt. Meroz ist keine Muslima und auch keine Jüdin, hat aber viel Verständnis für die Situation der beiden Religionen. Und Meroz ist gegen Judenhass und Islamophobie.

Salaam-Schalom setzt sich übrigens aus den arabischen und hebräischen Worten für Frieden zusammen.