Auf den ersten Blick sieht es aus, als sei sie ein Fan der Toten Hosen, der sich zu Hause hemmungslos beim Tanzen filmt, Luftgitarre spielt und mitsingt. Rhythmisch wippt Laura M. Schwengber beim Tote-Hosen-Hit „An Tagen wie diesen“ auf und ab, ihre Hände und Finger übersetzen den Inhalt des Liedes in Gebärdensprache, an Stellen ohne Text wirft sie die Arme hoch, den Kopf nach vorn und trommelt in der Luft.

80.000 gehörlose Menschen in Deutschland könnten ihr dafür dankbar sein. Ohne Laura M. Schwengbers Hilfe würden sie den Inhalt der Musikvideos nicht verstehen. Erst durch Schwengbers Gesten, ihre Mimik und die schnellen Handzeichen werden die Lieder für Gehörlose verständlich.

Die 23-jährige Laura M. Schwengber aus Berlin ist Dolmetscherin für Deutsche Gebärdensprache und die zurzeit populärste Gebärdensprachdolmetscherin im Land. Zehntausendfach werden ihre Videos im Internet angeschaut, sie hat Hits übersetzt wie „Nur noch kurz die Welt retten“ von Tim Bendzko, „Männer und Frauen“ von den Ärzten sowie Songs von Xavier Naidoo, Silbermond und Revolverheld. Ähnlich wie man es aus den Nachrichten für Gehörlose im Fernsehsender Phoenix kennt, ist auch Laura M. Schwengbers Kopf und Oberkörper in den Musikvideos in einem Extra-Fenster eingeblendet.

Kraft- und freudvoll übersetzen

Üblicherweise agieren Dolmetscher nicht im Vordergrund, für ihre Arbeit spielt Individualität und Persönlichkeit keine Rolle. Und längst nicht jeder Gebärdensprachdolmetscher wäre geeignet, Songs vor der Kamera als Performance so überzeugend, kraft- und freudvoll zu übersetzen wie Laura M. Schwengber. Sie kann das, sie hat in ihrer Schulzeit in Lübben alle Kreativ-Kurse besucht, die es in der Kleinstadt im Spreewald gab.

Sie lernte Blockflöte, ließ sich in Gesang, Hiphop, Schauspiel und Streetdance unterrichten. „Ich dachte, das kann nicht schaden“, erzählt sie beim Kaffee in einem Café in Mitte. Sie begann in Magdeburg Gebärdensprachdolmetscherin zu studieren, 2010 zog sie nach Berlin und setzte ihr Studium an der Humboldt-Uni fort, „Sprache und Kultur der Gehörlosengemeinschaft“ hieß ihr Studienfach.

Die Gebärdensprache nutzte ihr im Alltag. Wenn sie etwa mit Kommilitonen zu Konzerten und zum Tanzen ging, unterhielten sich die Studienfreunde in Gebärdensprache. So mussten sie sich bei lauter Musik nicht in die Ohren brüllen. Tanzen und Gebärdensprache, die Kombination gefiel ihr. „Ich dachte, daraus kann man was machen.“

Gebärde der aufgehenden Sonne

Die erste Gelegenheit bekam sie bald. Für den Tag der Gehörlosen im Jahr 2011 suchte der Radiosender N-Joy aus Hamburg eine Gebärdensprachdolmetscherin. Die Redaktion wollte Videos für Gehörlose übersetzen. Laura M. Schwengber gefiel das Projekt. Sie suchte sich zu Hause die passenden Videos aus, lernte die Texte auswendig und bat die Nachbarn, die laute Musik zu dulden. So konnte sie am besten üben. Sie erarbeitete für jeden Song eine Choreographie, sie überlegte, mit welchen Gesten kann man Liedpassagen ohne Text überbrücken, mit welchen Gebärden übersetzt man Metaphern und Bilder.

Laura M. Schwengber sagt, das sei eine Herausforderung. Man könne bestimmte Textpassagen nicht wörtlich übersetzen. So singen etwa Marteria, Yasha und Miss Platnum in ihrer „Lila Wolken“-Berlin-Hymne: „Wir bleiben wach, bis die Wolken wieder lila sind.“ Mal ganz unpoetisch, geht es ums Durchfeiern bis zum Sonnenaufgang. Und so fügt Laura M. Schwengber in ihrer Übersetzung des Songs die Gebärde der aufgehenden Sonne hinzu.

Mittlerweile begleitet sie Bands bei Konzerten und übersetzt auf der Bühne für Gehörlose. Das sei bisher nur selten möglich, sagt sie. „Viele Veranstalter haben große Bedenken. Sie wissen nicht, wie das Publikum reagiert.“ Zurzeit begleitet sie die Band Keimzeit auf ihrer Tournee. Beim Berlin-Konzert im Dezember 2012 kamen etwa 30 Gehörlose. Ihretwegen „Ich bin ein Teil der Band“, sagt die Übersetzerin.