Baustellenberatung 1975 im Rohbau des Palastes der Republik unter der Gläserne Blume im Hauptfoyer, links der verantwortliche Architekt Wolf R. Eisentraut.
Foto: Richard Wilhelm/privat

BerlinProf. Dr. Wolf R. Eisentraut war für den Mittelteil des Palastes der Republik zuständig, zu seinen weiteren Hauptwerken zählt das heute denkmalgeschützte Rathaus von Marzahn, das Kino Sojus, die bis heute gelobte Schule für körperbehinderte Kinder in Lichtenberg, das Freizeitforum Marzahn oder die 2008 abgerissene Gaststätte Seeterrassen in Lichtenberg. Er war an der Entwicklung der Wohnungsbauserie 70 (WBS 70) beteiligt, die als flexible Vorlage für den Bau von Hunderttausenden Wohnungen diente. Wie sprechen über die Vorzüge industriellen Bauens per Großplatte, deren Monotonie und wie sie durchbrochen wurde sowie über die Diskreditierung des DDR-Wohnungsbaus nach der Wende.

Herr Eisentraut, wenn man als Architekt erleben muss, wie Bauten wie der Palast der Republik, das Restaurant Seeterrassen oder die Galerie M in Marzahn abgerissen werden, obwohl sie sehr beliebt waren - wie fühlt man sich da?

Das ist nicht lustig. Aber ich hatte ja mein Vergnügen bei den Planungen. Das war eine schöne Arbeit, daher hält sich mein Zorn in Grenzen. Aber es geht nicht um mich, sondern der Abriss hat der Gesellschaft Werte weggenommen, kulturelle Werte, die die vergangene Gesellschaft geschaffen hat. In Marzahn wird das ganz deutlich: Diese Siedlung ist in ganz kurzer Zeit erbaut worden, mit Kultureinrichtungen – Gaststätten, Handels- und Dienstleistungszentren -, die man unmittelbar zum Leben braucht. Wir bauten die Grundausstattung und dachten, dass dies im Lauf der Zeit ergänzt und erweitert wird.

Und dann kam die neue Zeit…

… und zwar mit stärkeren ökonomischen Möglichkeiten, mit viel mehr Kohle. Ich dachte: Das ist ja fein, da wird hinzugebaut, was wir nicht geschafft haben, eine Stadt komplettiert. Aber nein: Die positiven Teile wurden abgerissen und durch anderes an derselben Stelle ersetzt. Was mich für den Ärger entschädigt: Keines der neuen Häuser ist besser geworden als ein weggerissenes von mir. Stattdessen ist üble Konfektion entstanden, gerade was die Handelszentren anbelangt. Investitionen wurden nicht zur Weiterentwicklung genutzt, sondern bloß zur Ablösung oder auch zur Auslöschung.

Sehen Sie das im Fall Palast der Republik und Schloss ähnlich?

Das ist noch einen Zahn schärfer, weil der Palast ein öffentliches Haus war, der gesamten Bevölkerung zugänglich. Parteitage fanden da nur alle vier Jahre statt. Zwischendurch waren die Leute drin, mit unterschiedlichen Interessen: Konzert, Theater, Tanz, Bowling, Bilder ansehen, essen. Ein breites Funktionsangebot für einen Querschnitt der Bevölkerung. Das ist weg und wird ersetzt durch ein spezialisiertes Haus für Leute, die ein Museum besuchen wollen. Das ist kein adäquater Ersatz. Dabei hat Berlin kein ordentliches Kongresszentrum. Soll ein Kongress stattfinden, geht man in eine Messehalle oder baut Zelte auf. Das ICC hat man vergammeln lassen. Für eine Stadt, die sich Weltstadt nennt, ist das lächerlich. Man hat die Qualität des Palastes ohne Not weggeworfen.

Wie hat die Abrisswelle Marzahn und Hellersdorf getroffen?

Die meisten Handels-, Kultur- und Gaststättenbauten sind weg. Glücklicherweise sind nur einzelne Wohnungen abgerissen worden, auch das ohne Sinn. Es freut mich natürlich, dass sich Marzahn-Hellersdorf zu einem integrierten Stadtteil Berlins entwickelt. Manches hat sich geändert. Zu Aufbauzeiten lebten dort Leute aus allen sozialen Schichten nebeneinander in einem Haus. Das hat sich auseinandersortiert, was sicherlich auch an ungeschickter Lenkung lag. Wenn man Zuwanderer in einem Hochhaus konzentriert und nicht in das Gebiet einmischt, dann bilden die Leute ihr eigenes Dorf, und das Hochhaus ändert seine soziale Qualität.

Nach welchen Prinzipien wurden die Großsiedlungen geplant?

Das erklärte Ziel hieß, möglichst viele Wohnungen zu schaffen und – was man heute betonen muss - die unmittelbaren Folgeeinrichtungen. Gesetzlich durch eine Richtlinie vorgeschrieben war, auf je 4000 Wohnungen eine Schule, Kindergärten, eine Kaufhalle, Gaststätten und ein Dienstleistungszentrum zu bauen. Damit war das elementare Leben gesichert. Was die Stadt sonst ausmacht –Bummelzonen, Erdgeschosse voller Läden, Handwerker im Hof –, das alles gab es im ersten Wurf nicht. Aber genug Raum dafür. In meinem Entwicklungskonzept für Marzahn aus den 1990er-Jahren war vorgesehen, in den übergroßen Freiräumen – nicht auf den Grünflächen, sondern in den Verkehrsräumen, die die Wohnkomplexe trennen – all das Fehlende zu bauen. Klug wäre es gewesen weiterzubauen. Marzahn bot ja ein Vorbild für andere Städte, wo das nicht so gelungen war, mit Kulturhaus, Galerie. Aber dann wurde ausgerechnet die einzige neue, kommunal gebaute Galerie in Berlin abgerissen – weil es nach 25 Jahren Sanierungsbedarf gab. Das ist einfach blöd. Welcher Einfamilienhausbesitzer reißt sein Haus ab, wenn es reinregnet? Macht keiner. Man bestellt den Dachdecker.

Anfang der 1990er war das Schlechtreden der Platte en vogue – obwohl das Bauen von möglichst viel Wohnraum ein Grundbedürfnis der Zeit war. Gehörte das zum Programm der Delegitimierung der DDR?

Ich denke schon. Man kann über Qualität reden, auch über Architektur, aber unbestritten ist, dass enorm viele Wohnungen gebaut wurden – nahe an den von Honecker versprochenen drei Millionen. Eine historische Leistung der DDR-Wirtschaft und der Bauleute. Die DDR stellte auch das Geld dafür bereit. Dass das am Ende Schulden der Staatsbank waren, die dann zu Altschulden umkonstruiert wurden, hat keiner vorher gedacht. Und in der Umbruchzeit waren die Menschen auch sehr verwirrt. Das Abwerten des Plattenbaus kam ja nicht nur aus dem Westen, sondern auch von Leuten, die zwei Jahre zuvor noch glücklich über ihre Wohnung gewesen waren. Nun fanden sie die auf einmal schlimm.

Jetzt klingen die Bewertungen positiver - warum?

Weil man jetzt sehen kann, dass der Plattenbau ein Weg zum Neubau von Wohnungen mit Qualität und überschaubaren Mieten war.

Aber es herrschte doch auch viel Monotonie. SED-Politbüromitglied Günter Schabowski sagte mal in einer Diskussion über lange, innerstädtische Straßenzüge grüner Plattenbauscheiben ohne einen einzigen Laden: „Wir machen Architektur mit Bäume.“ Das kann Ihr Motto nicht gewesen sein…

Der Schabowski war ja zweifellos ein großer Architekt, der das wissen musste. Das reale Problem ist schwer in einen Satz zu fassen. Es gab große Platten, große Kräne, eine neue Technologie, und die Architekten glaubten, sie könnten innerhalb dieses technischen Systems mit dieser Vorfertigung unterschiedliche Häuser bauen. Den ersten WBS 70-Experimentalbau fand man so schön, dass man sagte: Der wird ein Typ. Typenanwendung erlaubt, viele Häuser ohne weiteres großes Nachdenken hinzustellen. Ein Haus wie das andere ist einfacher, als jedes Haus anders. Ich heiße das nicht gut, aber es war das Mittel der Wahl, denn die Wohnungsnot war groß. Für diesen Typ galt auch, dass ein Geschoss wie das andere ausfiel - anders als im traditionellen Haus mit drei Zonen -dem Erdgeschoss, das die Öffnung zum Stadtraum ermöglicht, mehreren Wohngeschossen und einem Dachgeschoss. Die Monotonie, auch die funktionelle, war der Preis für die Vorteile des massenhaften Bauens. Außerdem gab es auch wirtschaftlich nicht genügend Ansätze dafür, lauter kleine Läden und Kneipen in die Erdgeschosse zu setzen.

Aber das geschah dann in den 1980ern doch - zum Beispiel in Marzahn im Hauptzentrum. Wie kam das?

Ja, das hieß dann „Funktionsunterlagerung“, und aus dem sonderbaren Begriff hört man den falschen Ansatz schon heraus: Es galt nicht ein Haus zu entwickeln, sondern darunter irgendwelche Läden einzuzwängen. Ein seltsamer Weg, aber so entstanden in Marzahn und Hohenschönhausen wenigstens einige Läden in Erdgeschossen. Die sind heute leider alle abgestorben – zum Beispiel an der Marzahner Promenade.

Woran lag das?

Es kam anders, als angesichts der zu erwartenden blühenden Landschaften der Marktwirtschaft vermutet. Das große Einkaufszentrum eines Konzerns nahm den Kleinen alles Leben. Investoren versprachen dem Bürgermeister mehr als 200 Arbeitsplätze und wollten dafür den Bauplatz in bester Lage. Alles, was dort stand, wurde weggerissen, es kam ein Einkaufstempel hin. Als diese Welle vor 15-20 Jahren über das Land ging, habe ich mehrfach geschrieben, dass genau diese Arbeitsplätze in den Einkaufsstraßen und Fußgängerzonen in der Nähe verlorengehen. So kam es: Die mühsam gebauten Läden im Erdgeschoss verödeten und Versicherungen und ähnliches zogen ein. Das belebt ein Stadtzentrum nicht.

Foto: Maritta Tkalec
Zur Person

Prof. Dr. Wolf R. Eisentraut, 1943 in Chemnitz geboren. Studium der Architektur an der TU Dresden, dort später langjährige Lehrtätigkeit.

Nach Berufseinstieg in Experimentalwerkstatt und im Institut für Wohnungsbau der Bauakademie, Mitglied des Entwurfskollektivs Palast der Republik und Verantwortlicher Architekt für dessen Mittelteil. Im volkseigenen Kombinat IHB Bereichsleiter für Wohngebietsbauten und -zentren.

Nach der Wende im eigenen Entwurfsbüro Umbau und Sanierung von Plattenbauten, bundesweiter Wohnungsbau und Stadtentwicklungsplanungen als Schwerpunkte, begleitet von publizistischer Tätigkeit. Mehrere Architekturpreise und Nationalpreis. Lebt und arbeitet in Berlin.

Einige Bauten wie das Rathaus Marzahn oder die Behindertenschule in Lichtenberg durchbrechen die Monotonie. Wie haben Sie das hingekriegt?

In aller Bescheidenheit – das liegt an der Qualität der Arbeit. Wer nur Typen baut, muss sich nicht anstrengen. Anders ist es, wenn das Berufsethos lautet: Was ich mir ausdenke, ist nicht mein privates Thema, sondern wird materielle Gewalt und beeinflusst das Leben der Menschen, die im jeweiligen Haus zu tun haben oder daran vorbeilaufen. Man braucht den Willen, nicht nach Schema vorzugehen, und man muss die gegebenen technischen Mittel bis zum Optimum ausnutzen. Ich habe mich zur industriellen Bauweise bekannt, das war mein Medium, damit konnte ich etwas erreichen. Und schließlich muss das jeweilige Projekt auch in die Zeit passen. In den 1980er-Jahren rollte die große Produktionswalze Wohnungsbauprogramm - und dann waren entsprechende Ergänzungen notwendig. Dafür fand ich offene Ohren und Leute, die mir Spielraum ließen oder sogar mitmachten. Ohne Verbündete und Förderer ging das nicht.

Wie lief das im Fall des Rathauses Marzahn und seiner Fassade mit den besonderen Platten konkret ab?

Mit einer gewissen Portion Besessenheit. Ich wollte für das Rathaus am Helene-Weigel-Platz keinen Waschbeton, sondern rote Klinker. Diese außerhalb der Bilanzierung zu bekommen, bedurfte persönlicher Interventionen. Das Prinzip war, an jedem Platz in Marzahn andere markante Materialien zu verwenden. Hier also die roten Steine aus Großräschen: für das Rathaus, die Kaufhallen, das Dienstleistungshaus, die Eisdiele, die Bibliothek. Das ergab eine ästhetische Einheit. Wir wollten also, dass die Klinker in die stählerne Gussform für die Platten eingelegt werden und dann der Beton draufgegossen wird. Das macht mehr Arbeit. Das Betonwerk wollte lieber glatten Beton oder Waschbeton, damit geht es schnell. Nach einigem Hin und Her fing ich mit meinen Mitarbeitern an, die Steine selber einzulegen. Wir handelten uns tüchtige Kreuzschmerzen ein, und die Betonwerker sagten dann: Kann ja nicht sein, dass die Leute aus der Projektierung diese Arbeit machen – und sind selber ran.

Es herrscht wieder Wohnungsnot. Ändert sich dadurch der Blick auf das industrielle Bauen, auf die Platte?

Es gibt einen großen Unterschied: Damals war es möglich, mit einem zentralisierten Bauwesen politisch vorzugeben, wie das Plattenwerk arbeiten sollte und wie die WBS-70-Wohnungen auszusehen hatten. Heute ist es vom Technischen her natürlich möglich, industriell zu bauen. Dann hat man schnellen Baufortschritt, gute Qualität, alles solide. Aber durch die Ausschreibungsverfahren kommen immer wieder andere, konkurrierende Unternehmen zum Einsatz. Die damalige Organisation – übers ganze Land eine einheitliche Bautechnologie – war gut gedacht. Nicht gut war, dass mit der einheitlichen Technologie einheitliche Häuser gebaut wurden. Das wäre auch anders möglich gewesen. Heute wiederum ist die damalige Effektivität in der Breite nicht erreichbar. Es fehlt die Stringenz.

Das Gespräch führte Maritta Tkalec.