Der 9. November war für mich schon immer etwas Besonderes. Ich bin 1989 geboren, genau am Tag des Mauerfalls in Berlin. Seit ich denken kann, erlebte ich die Aufregung der Erwachsenen mit, ihre freudige Überraschung, wenn sie hörten, wann ich geboren wurde.

Auf jeden Fall hat mir mein Geburtstag eine einzigartige Sicht auf die Geschichte eröffnet. Er verdeutlichte mir früh die Wirkung historischer Ereignisse, die man als später Geborene oft nur aus Büchern erfährt und distanziert betrachtet. Ich aber hörte viel aus erster Hand, auch von meiner eigenen Familie.

Besonders berührt hat mich die Erzählung meiner Mutter über ihre erste Reise nach Paris kurz nach dem Mauerfall. Sie kannte die Stadt aus Büchern schon in- und auswendig, hatte sich aber nie vorstellen können, selbst einmal dort hinreisen zu können. Und nun wurde dies plötzlich wahr!

Nachdem ich selbst alle Freiheit hatte, zu reisen und ersehnte Orte zu besuchen, kann ich mir den Schmerz von jemandem vorstellen, der nicht diese Möglichkeit besitzt.

Unterschiedliche Werte

Über Jahre meldeten sich zu meinem Geburtstag Medienvertreter, die Interviews mit mir wollten. Eine der nervigsten Fragen war immer wieder die, ob ich mich als Ossi oder Wessi fühle. Es ist schwer, so etwas zu beantworten, wenn man keine eigenen Erfahrungen mit der DDR gemacht hat.

Aufgrund meiner Herkunft und meiner Familie würde ich vielleicht sagen, dass ich mich mehr als Ossi fühle und sicher auch einige „ostdeutsche Werte“ mitbekam.

Meine Mutter wirft zum Beispiel selten etwas weg, man könnte es ja noch mal verwenden. Meine Oma fühlte sich als Lehrerin immer ihrem Beruf verpflichtet und hätte nie grundlos blau gemacht. Mein Opa folgte dem Ruf, wenn er gebraucht wurde, und hat dafür auch Opfer gebracht.

Arbeit war mehr als eine Stelle für ein paar Jahre oder Monate, wie es heute oft ist. Sie war etwas fürs Leben, und nicht wenige sahen in ihr auch einen Beitrag für die ganze Gesellschaft. Das hat mich sicher geprägt, wie auch ein Bewusstsein für den Wert von materiellen Gütern, die sorgfältig zu behandeln sind.

Individualität und freie Welt

Gleichzeitig wuchs ich aber mit hauptsächlich westlichen Einflüssen auf: vielen Konsumgütern, Medien und Reisen in überwiegend westliche Länder. Ich habe das Gefühl, dass mir dies eine recht gute Mischung bescherte.

Einerseits ist da eine gewisse konsum- und kapitalismuskritische Haltung und Bodenständigkeit und ein Bewusstsein dafür, dass kein System für die Ewigkeit ist. Andererseits gibt es die unzähligen Möglichkeiten der „freien Welt“, in der man seine Individualität entfalten kann.

Im Alltag merke ich wenige Ost-West-Unterschiede. Für mich ist es auch nicht wichtig, woher meine Freunde stammen, sondern mehr, ob wir Gemeinsamkeiten haben und uns gut verstehen. Besonders, wenn man viele Menschen aus anderen Ländern kennengelernt hat, scheint die Frage „ostdeutsch oder westdeutsch“ recht unbedeutend zu sein.

Über die DDR kann ich nur sagen, was ich mir im Laufe der Jahre aus Medien, Erzählungen und Schulstunden zusammengereimt habe. Ich sehe sie als einen Versuch, nach einer furchtbaren und zerstörerischen Zeit etwas anderes, Gerechteres und Friedvolles aufzubauen, an das viele Menschen zu Recht geglaubt haben.

Sicherlich hatte die DDR auch nicht den besten Start und war durch die Dominanz der Sowjetunion geprägt, mit einem aufgedrückten System der ideologischen Bevormundung und Beschränkungen persönlicher Freiheit. Dennoch gab es auch Positives und Leute, die sich engagierten.

Dass die DDR am Ende so plötzlich verschwand, lag meiner Ansicht nach auch daran, dass Kritik ignoriert und unterdrückt wurde, bis keine andere Möglichkeit mehr bestand, als dass das ganze System zusammenbrach. Aber vielleicht konnte es in Konkurrenz zum Westen auch nicht bestehen.

Wohnungsmangel und Umweltschutz

An einigen Dingen aber könnte man sich ein Beispiel nehmen: etwa an der Herstellung sehr langlebiger Produkte. Vielen fehlt heute auch ein Gefühl von Gemeinschaft und Nachbarschaftlichkeit. Mir fällt auch die Art der ostdeutsch geprägten Menschen auf, in der Regel etwas offener und naiver an Dinge heranzugehen, nicht so misstrauisch zu sein – was ihnen allerdings nicht nur nützt. Auf mich jedoch wirkt es sympathisch. 

Nach dem Abitur erfüllte ich mir einen Wunsch und ging für ein Jahr als Freiwillige nach Südamerika, wo ich mit Kindern arbeitete. Zurück in Deutschland studierte ich Soziale Arbeit und arbeite seit einigen Jahren in der Wohnungsnotfallhilfe mit Menschen, die keine Wohnung haben oder von ihrem Verlust bedroht sind.

Den Wohnungsmangel sehe ich als Problem, das jeden betrifft. Deshalb war es mir auch wichtig, die Gelegenheit zu nutzen, für meine neue Wohnung die Mietpreisbremse durchzusetzen. Auch vor Gericht. Ich befürworte, dass es nun größere Bewegungen von Mietrechtsaktivisten gibt.

Ein Problem für meine Generation sehe ich auch darin, dass wir nicht wissen, wie lange uns und unseren Kindern noch eine Umwelt erhalten bleibt, die unser Fortbestehen ermöglicht.

Die jüngeren Generationen sind zu Recht wütend und frustriert, dass sich so lange niemand um den Klimawandel geschert hat und dass rücksichtslose Ressourcenausbeutung und Streben nach kurzfristigen Profiten das Überleben gefährden.

Wünsche für die Zukunft

Es verwundert daher nicht, dass immer weniger sich repräsentiert fühlen und an das Funktionieren unserer Demokratie glauben. Es freut mich deshalb, dass es gerade eine Welle von Aktivismus und neuer Hoffnung gibt.

Ein weiteres Problem sehe ich in finanziellen Unsicherheiten. Wir alle können uns nicht darauf verlassen, am Ende unserer Arbeitslebens – das vermutlich dann im Alter von 70 bis 80 Jahren liegen wird – eine Rente zu beziehen, von der wir leben können. Schon im Berufsleben haben wir häufig so wenig zur Verfügung, dass es kaum oder gerade zum Leben reicht.

Eigentlich ist es erstaunlich, dass noch so viele Kinder geboren werden. Doch das Kinderkriegen wollen wir uns nun auch nicht nehmen lassen. Denn wenn wir eines aus der Geschichte gelernt haben, dann, dass es immer irgendwie weitergeht. 

Ich wünsche mir für die Zukunft, dass sich die Menschen weiter engagieren und organisieren, denn nur so können wir etwas verändern. Von weiter oben kommt es sicher nicht, denn die Stühle dort sind zu bequem.

Ich träume von einer Welt, in der niemand ausgebeutet wird, damit wenige im Luxus leben können, in der die Menschen Respekt voreinander und allen Lebewesen haben, in der wir nicht von unbegrenztem Wachstum sprechen, sondern nachhaltig leben und in der es keine Grenzen gibt, sondern jeder leben kann, wie und wo er will, solange er keinem anderen damit schadet.