Seit Anfang August wird die Hülle abgebaut, Platte für Platte verschwindet. Beinahe zweieinhalb Jahre lang war der alte Turm der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wegen Sanierungsarbeiten durch ein Gerüst mit Plastikplatten verhüllt. Nun kommt das alte Gemäuer darunter wieder hervor. „Das Gerüst ist bis auf 38 Meter Höhe abgebaut“, sagt Pfarrer Martin Germer (55). Ursprünglich war es 72 Meter hoch.

Bis zum kommenden Sonntag werden auch das frisch mit Blattgold überzogene Zifferblatt und die erneuerten Ziffern der vier Turmuhren zu sehen sein, an diesem Tag wird mit einem Festgottesdienst um 10 Uhr der weitgehende Abschluss der Sanierung gefeiert. „Nun sind nur noch einige Restarbeiten zu erledigen“, sagt Germer. „Beispielsweise an Stellen, die wegen des Gerüsts nicht zugänglich waren.“ Auch der Sockel wird erst Anfang 2014 vom Gerüst befreit sein – vor allem wegen des Weihnachtsmarktes auf dem Breitscheidplatz.

Erstes Läuten seit 2010

„Trotzdem wollen wir jetzt den Abschluss der Sanierung einläuten“, sagt Pfarrer Germer. Schließlich sei der allergrößte Teil geschafft. Einläuten darf man dabei getrost wörtlich nehmen. Denn zum ersten Mal seit 2010 erklingt am Sonntag das generalüberholte Glockenspiel wieder. Die 300 Kilo schweren Glocken hängen in 60 Meter Höhe, die Melodie des stündlich erklingenden Glockenspiels hat Prinz Louis Ferdinand, ein Enkel Kaiser Wilhelm II., 1959 extra für die Gedächtniskirche geschrieben. Das Glockenspiel wurde gesäubert, es bekam eine neue Aufhängung und eine neue elektronische Steuerung. „Klang und Melodie sind aber die gleichen geblieben“, sagt Germer.

Der Pfarrer ist sichtlich erleichtert, dass die Sanierung sich nun dem Ende zuneigt. Und er ist auch ein wenig stolz: „Wir sind im Kostenrahmen geblieben.“ Das hört man bekanntlich selten von Bauprojekten in Berlin. 4,2 Millionen Euro waren für die Sanierung veranschlagt worden. Das Geld kam aus Lotto- und Spendenmitteln. 1,2 Millionen Euro wurden gespendet – nicht nur von Berlinern. „Weltweit haben Menschen uns geholfen“, sagt Germer. So habe beispielsweise ein Herzchirurg aus Yokohama, der einst in Berlin studierte, 10.000 Euro geschickt. Auch in Los Angeles sei gesammelt worden.

413.000 Euro brachten allein die Fugenpatenschaften ein – zur Wiederherstellung der bröckelig gewordenen Sandsteinfugen waren von rund 1500 Menschen Patenschaften übernommen worden. Den Spendern wird am Sonntag gedankt. Die Namen sogenannter Platin- und Goldpaten, die 5 000 beziehungsweise 2000 Euro spendeten, werden auf einer Messingtafel verewigt. Auch jener, die kleinere Beträge zeichneten, werde gedacht, sagt Germer. „Und alle, die es wünschen, können nach dem Festgottesdienst auf die in sechs Meter Höhe umlaufende Plattform des Baugerüstes steigen, um sich den alten Turm ganz aus der Nähe anzuschauen.“

Nach der Sanierung ist vor der Sanierung

Auch wenn dessen Sanierung bald Geschichte ist – die nächste steht bereits an. Denn das etwa 4700 Quadratmeter große Podium, das den Turm mit dem Neubau der Gedächtniskirche verbindet, ist erneuerungsbedürftig. Laut einem Gutachten werden dafür rund 1,4 Millionen Euro gebraucht. Es gibt eine Zusage vom Bund, 250.000 Euro zu übernehmen, weitere 250.000 Euro will die Kirchengemeinde selbst aufbringen. Den Rest erhofft man sich von der Lottostiftung und von Spendern. „Am Sonntag werden wir deshalb die nächste Aktion starten: Werden Sie Podiumspaten“, sagt Germer.