Berlin - Wer durch diese Kirchentür tritt, lässt den Großstadtlärm hinter sich. Das blaue Licht tut sein Übriges dazu, um die Außenwelt auf Abstand zu halten. Ja, man kann in der Gedächtniskirche tatsächlich zur Ruhe kommen. Obwohl sie mitten auf dem Breitscheidplatz von Verkehrslärm umtost und von Konsumtempeln umgeben dasteht wie ein Fremdkörper. „Dieser Raum hat eine große Kraft“, so beschreibt Martin Germer (55) seine Kirche, in der er seit sechs Jahren Pfarrer ist.

An diesem Sonntag wird das Jubiläum zum 50. Jahrestag der Kirchweihe mit verschiedenen Gottesdiensten und musikalischen Darbietungen gefeiert. Bundespräsident Christian Wulff wird kommen und der evangelische Bischof Markus Dröge natürlich. Ein großes Fest. Was man dabei übersehen wird, ist der Fakt, dass es neben dem Gebäude auch eine Gemeinde gibt, die zu dieser Kirche gehört.

Eine Ruine als Mahnmal

Man kennt diese Kirche weltweit, weil die alte Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche nach den Bombenangriffen im November 1943 zerstört wurde, aber die Ruine als Mahnmal erhalten blieb. Man kennt sie auch wegen ihres außergewöhnlichen Neubaus mit seinen blauen Glasfenstern nach den Plänen des Architekten Egon Eiermann. Was fast niemand weiß, ist aber, dass 3 300 Menschen in dieser Kirche ihre religiöse Heimat haben. So viele werden als reguläre Gemeindeglieder geführt.

„Eine lebendige örtliche Kirchengemeinde“, so sagt der Pfarrer. Aber was sind es für Menschen? Großstadtbewohner! Sehr urban lebende Menschen. Das Gemeindegebiet ist groß. Es reicht vom Tiergarten bis zur Lietzenburger Straße, von der Martin-Luther-Straße bis zum Ernst-Reuter-Platz. Gehobenes Bürgertum gehört dazu aus den großen, schön sanierten Altbauwohnungen an Fasanen- und Rankestraße, Diplomaten, höhere Angestellte, für die ihre Firmen repräsentative Wohnungen angemietet haben. Aber es zählen auch bodenständige Menschen dazu, Angestellte und Menschen, die in den Häusern aus dem sozialen Wohnungsbau aus den 50er- und 60er-Jahren leben.

Nur einen richtigen sozialen Brennpunkt gibt es nicht. Es sind mehr ältere Menschen als jüngere. Zwar hat die Kirche einen Kindergarten, es gibt auch Konfirmandenunterricht, aber „seit 20 Jahren haben wir immer weniger Familien mit Kindern“, sagt Pfarrer Germer. Er macht Hausbesuche bei Älteren zu deren Geburtstagen, leitet Seniorenkreise, veranstaltet Gottesdienste in den Pflegeheimen und Seniorenresidenzen. „Eine Menge Menschen, die im Alter wieder in die Stadt gezogen sind, gehören zu uns“, sagt Germer.

Fast eine normale Gemeinde könnte man also sagen: Die Gemeinde spiegelt wieder, wer in der City-West wohnt. Und doch ist es darüber hinaus auch etwas Besonderes zur Gedächtniskirche zu gehören – die vielen Beerdigungen von Prominenten, der alte Turm, für dessen Erhalt die Gemeinde sammelt, der Ruhm dieses Gebäudes. Letzterer verhindert, dass der Gottesdienst ein Ort für Nestwärme sein kann, an dem Jeder Jeden kennt, an dem man nach der Predigt noch zusammen steht und miteinander spricht.

Der größte Teil der Sonntagmorgen hier versammelten 150 bis 200 Menschen kommt nur einmal. Die Gemeindemitglieder sind im Gottesdienst in der Minderheit.

Aus der Sicht des Pfarrers sieht es manchmal so aus: „Ich beginne die Andacht mit 20 Leuten, wenn ich mich das erste Mal umdrehe sind es 60, beim nächsten Mal 80, aber während der Predigt gehen schon wieder scharenweise Leute raus“, sagt Germer. Er nimmt das nicht persönlich, fragt sich nicht mehr, ob er sie vielleicht gelangweilt hat.

Bahnhofsatmosphäre sagt er dazu und dass man darauf eingestellt sein muss in diesem Haus. Er ist mit seiner Andacht dann eben Teil eines Reiseprogramms für Berlin-Besucher. „Wen das stört, der muss sich einen anderen Ort suchen“, sagt der Pfarrer. Er kann gut damit leben.

Auch damit, ein Pfarrer mit besonderen Aufgaben zu sein: Neben den täglichen Andachten ist er Ansprechpartner für Leute, die Kerzen aufstellen wollen und für Eltern deren Kind er taufen soll. Die Kirche ist eine der wenigen Gotteshäuser, die ständig geöffnet ist und Informationsquelle für jene, die etwas über den Ort wissen wollen. „Langweilig ist es hier nie“, sagt Germer. Auch die Mitglieder, die sich engagieren, wechseln. Pfarrer Germer nennt das „Gemeinde auf Zeit“.