Das sieht man in Berlin selten, eine voll besetzte Kirche schon vor dem Heiligen Abend. Doch in diesem Falle handelt es sich ja auch um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, deren phänomenaler Neubau vor genau 50 Jahren eingeweiht wurde. Zum Festgottesdienst am Sonntagmorgen kamen zahlreiche Gemeindemitglieder und auch viele Ehrengäste in den achteckigen Kirchenbau. Die bläulichen Doppelglaswände geben den Besuchern das Gefühl, fern von jeglicher Großstadthektik zu sein.

Drinnen stand Altbundespräsident Richard von Weizsäcker, gestützt auf einen Stock. Er erzählte, wie er hier zwei Tage nach dem Mauerfall zu einer spontanen Predigt eingeladen wurde. „Unvergesslich“, sei das gewesen. Und er erinnerte sich an ganz früher, als er mit mit dem Fahrrad oft um die alte, dann im Krieg zerstörte Kirche fuhr. Auf den letzten Drücker kam dann auch noch der amtierende, derzeit wegen eines dubiosen Privatkredits kritisierte Bundespräsident Christian Wulff. Er wird sich später nach dem Gottesdienst bemühen, auch wieder als Erster die Kirche zu verlassen, um nicht vor den draußen wartenden Reportern und Kamerateams Rede und Antwort stehen zu müssen.

Der Festgottesdienst begann mit Gesängen des Staats- und Domchores Berlin. Dann sprach ein Mann mit roten Umhang, Christopher Cocksworth, der Bischof von Coventry. Auch die Kathedrale im englischen Coventry war wie die Gedächtniskirche im Krieg zerstört worden. Aus Zimmermannsnägeln vom Dachstuhl, die man in den Ruinen gefunden hatte, fertigte man in Coventry ein Nagelkreuz, das dort nun auf dem Altar steht. In der Gedenkhalle der Gedächtniskirche steht inzwischen eine Kopie. „Auch wenn die zwei Städte auf verschiedenen Seiten standen, sind sie verbunden durch die Schrecken des Krieges“, sagte Cocksworth.

Glas gegossen, zertrümmert, wieder zusammengefügt

Landesbischof Markus Dröge betonte in seiner Predigt, dass der Neubau der Gedächtniskirche ein „deutliches Ja zur Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, mit der schmerzhaften Erinnerung an Krieg und Zerstörung, an Schuld und Versagen“ gewesen sei. Er erinnerte daran, wie die die mehr als 20 000 kleinen, bläulichen Fenster entstanden sind. Der französische Glaskünstler Gabriele Loire habe zunächst starkes Glas gegossen, es dann zertrümmert und verschiedene Bruchstellen wieder neu zusammengefügt. Licht und Farbe würden deshalb mehrfach gebrochen. Das erinnere an das menschliche Leben mit seinen Veränderungen und Brüchen. „Die Fenster sind wie unser Leben“, sagte Dröge.

Der Architekt Egon Eiermann wollte ja ursprünglich auch die Turmruine der Gedächtniskirche abreißen lassen, doch nach öffentlichen Druck ließ er sie schließlich stehen, zwischen dem modernen Achteck-Kirchenbau und dem ebenso neuen Glockenturm. Eiermanns betagte Witwe Brigitte (der Architekt starb 1970), die am Sonntag ebenfalls dabei war, hält von dieser Lösung offenbar nach wie vor nicht viel. Die Kirchturmruine sei doch „ein Groschengrab ersten Ranges“, sagte sie. Ständig müsse renoviert werden, was teuer sei, sagte die in Karlsruhe lebende Witwe. Tatsächlich ist die Turmsanierung sehr aufwendig, und nun senkt sich auch noch das Plateau, auf dem die Kirchenbauten stehen. Um das zu sanieren, sind noch einmal 1,3 Millionen Euro notwendig. Doch Geld ist offenbar auch an anderer Stelle nötig: Da die Kirchensteuereinnahmen nicht so üppig sind, war das Geld der Kollekte dazu bestimmt, die zweite Pfarrstelle an der Gedächtniskirche zu erhalten.

Unter den Gästen und Spendern waren auch CDU-Landeschef Frank Henkel, Abgeordnetenhauspräsident Ralf Wieland und Grünen-Fraktionschefin Ramona Pop. Auch Ute Tolkmitt war gekommen, die Tochter von Kurt Reuber. Der hatte als deutscher Militärarzt im Kessel von Stalingrad eine Madonna gezeichnet, die ihre gefalteten Hände zum Himmel erhebt. Die Zeichnung wurde mit Verwundeten ausgeflogen, heute ist sie in der Gedächtniskirche zu sehen. Reuber starb 1944 in russischer Kriegsgefangenschaft.