Kurz nach 14 Uhr laufen sie los. Es sind 300 bis 400 Menschen. Ganz vorn, hinter dem Plakat mit der Aufschrift „Zum Gedenken an Burak – Rassismus wieder das Motiv?“, gehen Melek und Ahmet B. Sie sind die Eltern des 22-Jährigen, der in der Nacht vom 4. zum 5. April letzten Jahres in Neukölln regelrecht hingerichtet wurde. Das Gesicht ihres Sohnes ist an diesem Sonnabendnachmittag hundertfach zu sehen. Viele Demonstranten tragen Fotos von ihm an ihren Jacken, andere haben T-Shirts mit seinem Konterfei angezogen, tragen Plakate. Burak B. – ein netter, sympathischer junger Mann – sieht die Betrachter von den Fotos an.

Das war er auch, sagt seine Mutter. „Wir können es immer noch nicht fassen, dass unser Kind tot ist.“ Und: „Ich hoffe, dass der Täter endlich gefasst wird. Burak war ein guter Mensch, wir können ihn nicht vergessen.“

Schüsse in der Nacht

Unter den Demonstranten ist auch Fatih, der jüngere Bruder von Burak. „Ich will nur, dass der Täter endlich gefasst wird“, sagt er. „Denn niemand hat das Recht, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen.“
Vor 20 Jahren war die Familie aus der Türkei nach Deutschland gekommen. 22 Jahre war Burak, als er starb. Er stand zusammen mit vier Freunden an einer Bushaltestelle in der Rudower Straße, gegenüber dem Krankenhaus Neukölln. Es war kurz nach ein Uhr in der Nacht, die Gruppe war zuvor im Fitness-Studio Wing Tsun in Treptow gewesen.
Plötzlich kommt ein Mann auf die Gruppe zu. Er zieht eine Waffe und eröffnet wortlos das Feuer. Eine Kugel zerreißt Burak B. die Lunge, er stirbt kurze Zeit später im Krankenhaus. Alex A. und Jamal A.,16 und 17 Jahre alt, überleben den Angriff schwer verletzt.

Der Täter verschwindet. Bis heute fehlt von ihm jede Spur. Der Mann soll mit einem Kapuzenpullover bekleidet gewesen sein, 1,80 Meter groß und zwischen 40 und 60 Jahren alt.

Wesentlich mehr scheint die Polizei auch ein Jahr später nicht zu wissen. Sie ermittelt weiterhin in alle Richtungen, teilt sie auf Nachfragen mit. Und auch ein Mithilfeersuchen in der ZDF-Fernsehsendung „Aktenzeichen XY... ungelöst“ hat bislang noch keine heiße Spur gebracht. Und weil das so ist, haben junge Leute einen Verein gegründet, der sich Initiative für die Aufklärung des Mordes an Burak B. nennt.

Aufrufe zu Racheakten

„Wir haben den Eindruck, dass dieser brutale Mord aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwindet“, sagt die 29-jährige Cornelia Kunze. Sie und ihre Freunde vermuten hinter der Tat ein rassistisches Verbrechen. Kunze und ihre Freunde sehen Parallelen zu den NSU-Morden. In der Gegend, in der Burak B. erschossen wurde, hätten sich am Tatabend Neonazis aufgehalten, sagt sie.

Denn vor 20 Jahren, so haben die jungen Leute aus der linken Szene recherchiert, war der Nazi-Funktionär Gerhard Kaindl nach einer Auseinandersetzung mit Linken in Neukölln gestorben. In der Neonazi-Szene gilt Kaindl seitdem als Märtyrer. Und zu Kaindls Todestag seien ab Anfang vergangenen Jahres Aufrufe zu Racheakten im Internet erschienen.

Die Burak-Freunde fordern deshalb von der Polizei, dass sie nochmals in diese Richtung ermittelt.

Kritik an der Polizei

Die Initiativen-Mitglieder kritisieren, dass die Polizei die beiden anderen Opfer des Überfalls angeblich nur ein einziges Mal zu den Vorgängen in der Nacht zum 5. April befragt habe. „Es gibt bislang keine Hinweise auf eine rechtsextremistische Straftat“, heißt es von der Staatsanwaltschaft.

Nach gut eineinhalb Stunden sind die Demonstranten auf ihrem Weg vom muslimischen Friedhof am Columbiadamm – dort ist Burak B. beerdigt – am Hermannplatz angekommen. Vertreter antifaschistischer Gruppen halten Reden. Immer wieder gibt es Sprechchöre: „Warum musste Burak sterben?“ und „Wer sind die Täter?“ Und alle sind sich einig: „Burak,wir werden dich nicht vergessen.“