Das mit den Fußballvergleichen sollte man in diesen Tagen vielleicht eher lassen. Aber hier passt es einfach zu gut: Die alte West-Berliner Gesellschaft traf sich am Dienstag zum Heimspiel – im alten West-Berlin. Die Lassenstraße 1 in Grunewald ist schon eine der eher besseren Adressen in dieser Stadt, auch wenn der Verkehr in der angrenzenden Koenigsallee nicht unerheblich ist. Hier hat Berlins unvergessener Entertainer und Schauspieler Harald Juhnke rund zwanzig Jahre mit seiner Familie gelebt.

Das Haus hat längst einem recht scheußlichen Neubau Platz gemacht, dessen freundlicher Besitzer aber nichts gegen eine Juhnke-Gedenktafel im Vorgarten einzuwenden hatte. Sie wurde von der Gasag finanziert, von der Königlichen Porzellan-Manufaktur Berlin hergestellt und gestern feierlich enthüllt – an Harald Juhnkes 85. Geburtstag. Um den Anlass gebührend zu begehen, hatten sich rund 200 Freunde, Weggefährten, Kollegen und Schaulustige vor dem Eckgrundstück eingefunden. Die zumeist betagten Damen und Herren zeigten deutlich, dass weder gleißende Sonne noch Temperaturen von mehr als 30 Grad ein Grund sein müssen, sich gehen zu lassen: Pumps und Kostüm, Anzug und Einstecktuch waren quasi Pflicht.

Witwe Susanne Juhnke traf schon zwanzig Minuten vor der Zeit am Ort ein und wurde mit Küsschen links und rechts von Schauspielerin Judy Winter begrüßt. Diese wirkte recht nachdenklich und verhalten, bestritt aber, dass dies für sie ein melancholischer Moment sei. „Harald hat doch ein tolles Leben gehabt“, meinte Winter. Für die Ehrentafel sei es nun höchste Zeit geworden und das Datum seines 85. Geburtstags gut gewählt. Schauspielerin und Weggefährtin Barbara Schöne lachte über die Frage: „Bestimmt schaut er jetzt von oben zu. Das hier wäre ganz nach seinem Geschmack gewesen.“

„Menschenfischer“ Juhnke

„Das hier“ beginnt mit einer Rede von Stefan Grützmacher, dem Vorstandsvorsitzenden der Gasag, die als Partner des Berliner Gedenktafelprogramms natürlich gerne mithilft, weitere entstehen zu lassen. Im Übrigen sei man als Unternehmen ja schon 170 Jahre hier am Ort und würde das gerne noch eine Weile bleiben. Die kleine Anmerkung zur aktuellen Entscheidung, das Gasnetz doch wieder in staatliche Hand zu geben, greift der Regierende Bürgermeister, der gleich nach ihm redet, prompt auf: „Wir wollen auch, dass die Gasag ein Berliner Unternehmen bleibt.“ Dann geht es aber nur noch um Harald Juhnke. Der sei ein „Menschenfischer“ gewesen, der in der leichten Muse und im Charakterfach gleichermaßen brilliert habe. „Harald Juhnke war ein Allroundtalent“, sagte Wowereit. „Niemandem sonst nahm man den Frank Sinatra, dessen Lieder er auf Deutsch sang, so ab.“ Davon können sich die Zuhörer gleich selbst überzeugen. Nach zwei weiteren kurzen Reden erklingt Juhnkes Stimme vom Band: „I did it my way“. An der Stelle, an der er von seiner Frau singt, blicken alle zu Susanne Juhnke, die sich sichtlich streckt.

Noch während das Lied zu hören ist, greift sie zum Mikrofon. Sie ist danach mit ihrer kleinen Rede an der Reihe. Und das interessiert einen jetzt doch schon, was diese Frau erzählt, über einen Mann, der für die Familie mit seiner Alkoholsucht doch streckenweise nur schwer zu ertragen gewesen sein muss. Sie sei zutiefst gerührt, sagt sie mit fester Stimme, dass sie heute hier diese Gedenktafel enthüllen dürfe. Sie spricht von der Familie, den guten Freunden und der treuen Fangemeinde, die ihr Mann habe. „Was bleibt, sind die hellen Erinnerungen“, sagt sie. Eine Gedenkfeier ist kein Grund, sich gehen zu lassen.

Dann wird die Tafel enthüllt. Vom Band ist nun Juhnkes Lied „Berlin Berlin“ zu hören. Die Gäste gehen zum Getränkestand. Auf der Koenigsallee dröhnt der Verkehr.