Verhüterli, Pariser, Lümmeltüte – es gibt verschiedene Umschreibungen für das Kondom. Früher noch mehr verbreitet als heute war auch das Wort „Fromms“. Zwar hatten nur wenige Leute eine Ahnung, wo dieser Begriff herkam, aber die meisten wussten, was gemeint war.

Mit seinem Namen stand Julius Fromm, der Erfinder des modernen Kondoms, für die Zuverlässigkeit des Produktes ein. Jetzt wird ihm späte Ehrung zuteil. An der Friedrichshagener Straße 38 in Köpenick, wo heute ein Bau- und ein Supermarkt stehen, waren einst die Fromms Act Gummiwerke. Am heutigen Sonnabend ab 10 Uhr wird auf dem Grundstück ein Stolperstein für Julius Fromm verlegt. Die kleinen Messingplatten, von denen in Berlin schon 6 000 verlegt wurden, erinnern an das Schicksal jener, die von den Nazis ermordet oder vertrieben wurden.

Hinter dem Namen Julius Fromm verbirgt sich eine außergewöhnliche Karriere, die für die Zielstrebigkeit jüdischer Einwanderer stand und dafür, wie Deutschland von ihnen profitierte. Fromm stammte aus einer armen Familie und wurde 1883 im polnischen Konin geboren. Zehn Jahre später zog die Familie nach Berlin und ließ sich wie viele aus dem Osten eingewanderte Juden im Scheunenviertel nieder. Ihren Unterhalt bestritt sie mit dem Drehen und Verkaufen von Zigaretten. Nachdem der Vater starb, musste sich der 15-jährige Julius um die Familie kümmern. 1907 gründete er eine eigene Familie und zog mit ihr ins Bötzowviertel in Prenzlauer Berg. Das Zigarettenstopfen genügte ihm nicht mehr. Deshalb lernte Julius Fromm in Abendkursen einiges über Gummichemie – und kam so auf das Kondom.

Täglich 150.000 „Frommse“

1914 startete er in einem Laden an der heutigen Käthe-Niederkirchner-Straße sein Ein-Mann-Unternehmen. Er nannte es „Fabrikations- und Vertriebsgesellschaft für Parfümerie und Gummiwaren“. Er experimentierte mit Gummi, tauchte Glaskolben mehrfach in Benzin-Kautschuk-Lösung und vulkanisierte diese in heißen Schwefeldämpfen. So erfand er das erste hauchdünne nahtlose Präservativ. Das war eine Revolution. Jahrhundertelang hatte der Mann beim Geschlechtsakt genähte Kondome aus Tierdarm oder Fischblasen benutzt, um zu verhüten und sich vor Syphilis zu schützen.

Bald stellte Fromm Arbeiter ein; die Räume wurden zu eng. Er expandierte unter anderem in die heutige Berolinastraße in Mitte. Auch Babyschnuller und Gummihandschuhe produzierte er. Zunächst vertrieb Fromm die Kondome über seinen Drogeriehandel. Sie wurden einer strengen Qualitätsprüfung unterzogen, indem man sie aufblies. Seinen Kontrolleuren zahlte er Prämien für jedes gefundene fehlerhafte Kondom.

1916 gründete er die Fromms Act Gummiwerke und benannte auch sein Markenkondom „Fromms Act“. Im Ersten Weltkrieg verkaufte er das Latexkondom massenhaft. In den Soldatenbordellen war ungeschützter Geschlechtsverkehr verboten – wegen der Geschlechtskrankheiten und der damit verbundenen Wehrkraftschwächung. Drei Jahre nach Firmengründung wurden täglich 150 000 „Frommse“ produziert, die Marke wurde zum Synonym für den Begriff Kondom, und in den Kneipen rissen Bänkelsänger Scherze wie: „Wenn’s euch packt – nehmt Fromms Act!“. Oder: „Die Konkurrenz platzt.“ Das Dreierpack Kondome kostete 72 Pfennige.

Die neuartigen Präservative machten Julius Fromm reich. 1919 kaufte er eine Villa in Schlachtensee, in die er mit seiner Frau und den drei Söhnen zog. 1922 errichtete er in der Rahnsdorfer Straße in Friedrichshagen eine Fabrik, die bald an ihre Kapazitätsgrenzen gelangte. Deshalb kaufte Fromm 1929 in der Friedrichshagener Straße – wo heute Kaufland und Toom sind – ein Grundstück. Er baute dort ein für damalige Verhältnisse futuristisch anmutendes Fabrikgebäude aus Beton, Stahl und Glas. 1926 hatte die Firma Niederlassungen im Ausland und stellte rund 24 Millionen Kondome pro Jahr her.

Ab 1933 versuchten die Nazis zunächst erfolglos, in den Besitz der Firma zu kommen. Sie leiteten Wirtschaftsprüfungsverfahren ein und wollten Fromm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkennen. Doch die Prüfer mussten einräumen, dass die Arbeitsbedingungen vorbildlich waren und sich Fromm für die sozialen Belange der Mitarbeiter einsetzte. Eine Handhabe gegen ihn fanden sie zunächst nicht. Nach den Olympischen Spielen setzte eine Hetzkampagne gegen ihn ein. Er spürte, dass es gefährlich wurde. Die auf acht Millionen Reichsmark taxierte Firma (umgerechnet rund 120 Millionen Euro) musste er verkaufen und bekam dafür 116 000 Reichsmark. Auf Geheiß Hermann Görings ging die Firma an dessen Patentante. Als Dank erhielt Göring von der Baronin zwei Burgen in Bayern und Österreich. Das Unternehmen war nun „arisiert“, und Julius Fromm durfte Deutschland verlassen.

Vier Tage nach Kriegsende starb Julius Fromm in London. Einer seiner Brüder versuchte, die Fabriken zurück zu erhalten. Doch nun wurden die Fromms das zweite Mal enteignet: Der Magistrat von Groß-Berlin überführte die Fabriken in Volkseigentum. Fromm war für die SED ein „kapitalistischer Ausbeutertyp“. Zynischerweise wurde ihm zum Vorwurf gemacht, dass er seinen Betrieb an einen reaktionären Kaufpartner, an Görings Patentante, verkauft hatte. Kondome der Marke „Fromms Act“ wurden in der DDR vom VEB Plastina Erfurt produziert. Später wurde die Marke Fromms in „Mondos“ umbenannt.

1990 versuchte Fromms Sohn Edgar für sich und die Witwen seiner Brüder das Grundstück an der Friedrichshagener Straße zurückzuerhalten. Doch erst 1994 bestätigte das Amt zur Regelung offener Vermögensfragen den Anspruch der Erben auf das Grundstück. Da errichtete dort bereits die Stinnes AG einen Baumarkt. Die Treuhand musste den Erben finanziell entschädigen. Edgar starb 1999.

Aufgeschrieben haben die Geschichte die Historiker Götz Aly und Michael Sontheimer in ihrem Buch „Fromms: Wie der jüdische Kondomfabrikant Julius F. unter die deutschen Räuber fiel.“ Michaela Kaule aus Köpenick hat das Buch gelesen. „Ich wohne in der Nähe des Grundstücks und war sehr erstaunt“, sagt sie. „Den Namen Fromms kennt fast jeder, aber keiner kennt die Geschichte richtig.“ Auch die Nähe der NPD-Bundeszentrale habe sie auf die Idee mit dem Stolperstein gebracht, sagt sie.

Michaela Kaule wandte sich an die Geschichtswerkstatt des Bezirks. Bei Toom und Kaufland erfuhr sie den heutigen Eigentümer des Grundstücks an der Friedrichshagener Straße, der sein Einverständnis zur Verlegung eines Stolpersteins gab. Die 120 Euro Kosten für den Stein wollte Michaela Kaule übernehmen. Doch die zahlt jetzt der Grundeigentümer. Die kleine Messingplatte wird am Eingang des Baumarktes liegen, wo jeder Kunde vorbeikommt und sein Haupt neigen muss, wenn er den Namen „Julius Fromm“ lesen möchte.