Ehrentafel am Eingang zum Bezirksamt: Der Bezirk Friedrichshain hat sich das Gedenken an seinen Ehrenbürger Nikolai Bersarin zur Tradition gemacht.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinDer jungen Frau treten Tränen in die Augen, als sie ihre roten Nelken an der Gedenktafel für Berlins ersten Stadtkommandanten Nikolai Bersarin niedergelegt hat. Regine L., Lehrerin aus Friedrichshain, ist privat gekommen, sie fühlt auch nach 75 Jahre, wie präsent der Krieg ist: „Wir dürfen das nicht vergessen.“

Die Kreuzbergerin Tina W. hat Rosen für Bersarin dabei. Ihre Vater saß als Kommunist zehn Jahre in Dachau. Sie dankt Bersarin für das, was er für die Berliner Bevölkerung geleistet hat. Im Fahrradkörbchen liegt ein weiterer Strauß, den bringt sie zum Treptower Ehrenmal.

Auch Bürgermeister Klaus Lederer, Kultursenator von den Linken, und der Historiker Götz Aly haben sich privat mit großen Blumensträußen am Bersarinplatz in Friedrichshain verabredet. Lederer möchte den Tag der Befreiung als individuelles Gedenken, nicht als Ritual praktizieren. Schließlich sei in vielen Familien die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit noch nicht abgeschlossen. Der Tag solle „in der Breite der Gesellschaft“ begangen werden.

Götz Aly führte in einer kleinen Ansprache Gründe an, warum Bersarin in seinem kurzen Wirken als Stadtkommandant bis zu seinem tödlichen Motorradunfall am 16. Juni 1945 zu ehren sei: „Er hat Ordnung und Versorgung gesichert. Er entschied unideologisch und frei von Rachsucht. Er wollte Deutschen nicht antun, was Deutsche der sowjetischen Bevölkerung angetan hatten.“

Der Dank, so der Historiker, gehe an die Soldaten, aber auch an deren Familien in der ehemaligen Sowjetunion, die größte Opfer gebracht hätten, damit die Fremdbefreiung der Deutschen möglich wurde. „Es kommt nicht darauf an, welche Haltung man zu Stalin oder zu Putin hat, ob das Herz für Russen oder Ukrainer schlägt: Wir gedenken der Befreier aus allen Teilen der ehemaligen Sowjetunion.“

Aly erinnerte auch an die deutschen Toten – und zwar nicht nur an jene, die den Nationalsozialismus bekämpft hatten. „18 Millionen deutsche Soldaten zogen in den Krieg – größtenteils freiwillig und anfangs mit Begeisterung“, sagte er. Dennoch: „Sie sind unsere Leute, die wir aus unseren Familienalben kennen.“ Mit Demut solle man auf diese Menschen schauen und aus deren Fehlern lernen. Man solle sich klarmachen: „Wir sind nicht die besseren Menschen.“

Um die Verdienste Nikolai Bersarins endlich angemessen zu ehren, haben die Mitglieder des Bersarin-Aktivs – ebenfalls zu der kleinen Feier erschienene Privatleute wie die Bildhauerin Anna Franziska Schwarzbach, die Kulturjournalistin Ingeborg Ruthe oder der frühere Leiter des Deutsch-Russischen Museums in Karlshorst, Peter Jahn – vorgeschlagen, ein Denkmal für Bersarin zu errichten. Götz Aly hat auch einen Vorschlag für die Platzierung: „Am besten im Lustgarten, diesem hoch ambivalenten deutschen Ort.“

Klaus Lederer sagte, er befürworte die Idee, einen Ort des Erinnerns an Bersarin zu schaffen. Berlin weise Ambivalenzen in der ganzen Stadt auf – „warum also nicht Bersarin im Lustgarten?“ Doch dürfe das kein „Projekt von oben“ sein, sondern „möglichst viele sollten das wollen“.

Zu den Kränzen und Blumen, die am Vormittag alle demokratischen Parteien der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain-Kreuzberg und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) niedergelegt hatten, kamen immer mehr. Daneben leuchtete ein rotes Plakat: „Danke“ in 14 Sprachen der Völker der Sowjetunion.