Mit Blumen und Kerzen wird am dritten Jahrestag der Opfer des Terroranschlags am Berliner Breitscheidplatz gedacht.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

BerlinFür die Stadt reicht ein Knopfdruck. Um Viertel vor sieben schaltet ein Techniker die Musik auf dem Markt am Breitscheidplatz ab und Weihnachten endet erst mal für ein paar Stunden. Die Zeit füllt sich mit Trauer. In der Gedächtniskirche hält Bischof Christian Stäblein eine Andacht, Jocelyn B. Smith singt „Shine a light“ wie schon am ersten Jahrestag. Menschen versammeln sich an den Stufen mit den Namen der zwölf Verstorbenen, die zur Kirche hinaufführen.

Im dritten Jahr nach dem terroristischen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz hat die Stadt zu einer Form des Gedenkens gefunden, bei der es wohl erstmal bleiben wird. Stille und Kerzen anstelle von elektrischem Licht, Gesänge und Gebete, Blumen und Glockenschläge – all das ist durchaus anrührend und doch bildet die durchkomponierte Form einen scharfen Gegensatz zum echten Verlust, den dieser Anschlag bewirkt hat. Das ist kein Vorwurf, es ist nur eine Feststellung. Es kann vielleicht auch gar nicht anders sein.

Die Opfer des Terrors vom Breitscheidplatz

In den zurückliegenden drei Jahren sind uns Menschen im Zusammenhang mit diesem Anschlag begegnet, die am 19. Dezember 2016 einen persönlichen Verlust erlitten haben. Wir haben sie angerufen, sie besucht, weil wir ihre Geschichten erzählen wollten. Es war der Wunsch, dass diese Menschen im Mittelpunkt einer Berichterstattung stehen sollten und nicht der Täter, mit dem man sich ja auch befassen musste, wollte man seine Motive verstehen und die Art und Weise wie er und seine Helfer vorgegangen sind. Auch, um zu verhindern, dass sich Ähnliches wiederholt.

Die Menschen aus unseren Geschichten waren zum Zeitpunkt des Anschlags auf dem Markt und wurden schwer verletzt. Sie haben jemanden verloren, der ihnen nahe stand. Sie haben körperliche Einschränkungen. Sie sind Pflegefälle. Sie kämpfen noch heute mit Gefühlen, die sie nicht unter Kontrolle bekommen können. Manche hatten nur sehr entfernt mit der eigentlichen Tat zu tun. Und doch leiden sie.

Beim Gedenken ist die Anteilnahme groß.
Foto: Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Die Co-Traumatisierung

Überwältigung. Auch beim Schreiben dieses Textes ist dieses Gefühl zu spüren. Einmal angefangen kommt eine Geschichte zur anderen. Ein Schicksal nach dem anderen scheint auf. Man hat alles wieder vor Augen. Erst verkrampft sich der Magen. Dann steigt das Gefühl höher, schnürt den Hals zusammen. Man muss aufpassen, dass man sich nicht selbst hinein manövriert in eine Traurigkeit, ins Mitleiden. Es gibt eine Co-Traumatisierung, auch das haben wir gelernt in den vergangenen drei Jahren. Besonders betroffen davon sind Angehörige von psychisch oder körperlich geschädigten Menschen.

Petr Cizmar und sein kleiner Sohn David haben Nada verloren, Davids Mutter, Petrs Frau. Wir haben die beiden besucht im vergangenen Jahr in Dresden, wo sie wohnen. Wir haben mit ihnen zwei tolle Menschen kennengelernt. Zurückgeblieben ist ein Eindruck von großer Tapferkeit, mit dem der Mann und der Junge dem Verlust von Nada begegnen. Aber auch ihre Hilflosigkeit. Die Umzugskisten, die sich zum Zeitpunkt unseres Besuchs in der Wohnung stapelten. Petr Cizmar hatte sie kurz vor dem Anschlag dort abgestellt und dann nicht ausgepackt, jahrelang. Für ihn befand sich seine heile unverletzte Familie in diesen Kisten. Er hatte Angst, sie auspacken.

Frank Hoedt ist Einsatzleiter bei der Berliner Feuerwehr. Am 19. Dezember 2016 organisierte er den Rettungsdienst auf dem Breitscheidplatz. Wir haben ihn getroffen im vergangenen Jahr und er erzählte von dieser Nacht, die auch für ihn, den Profi, sehr vieles verändert hat. Er war vor allen anderen Feuerwehrleuten direkt nach dem Anschlag der erste auf dem Platz, in den gerade der Terrorist Anis Amri mit einem 40 Tonnen schweren Lastwagen hineingerast war. Er sprach davon, wie er minutenlang versucht hatte, zu begreifen, was überhaupt passiert war. Wie viele tote und schwer verletzte Menschen zu versorgen waren. Wie er versuchte, zu entscheiden, was zuerst zu tun war.

Hilflosigkeit und Überforderung

Die Feuerwehr hat ein System für solche Einsätze. Die Einsatzkräfte verteilen verschiedenfarbige Bändchen, um die Hilfe nach Dringlichkeit zu organisieren, sie alarmieren weitere Kräfte zum Ort der Katastrophe. Sie funktionieren, und am Anfang gab all das Frank Hoedt auch Halt. Im Verlauf der Nacht kam er dann an seine Grenzen und rutschte darüber hinaus. Er fühlte sich hilflos, überfordert, hatte auch in den Tagen danach das Gefühl, nicht genug getan zu haben, wurde die Bilder nicht mehr los. Er konnte nicht mehr richtig arbeiten. Frank Hoedt brauchte selbst medizinische Hilfe. Das erste Mal ging er erst nach Monaten wieder zum Breitscheidplatz. Er ließ sich dabei von seinem Arzt begleiten. Später hielt er Vorträge über diesen Einsatz. Das darüber Sprechen half ihm. So war es auch mit dem Interview, das er uns gab.

Wir haben den Pfarrer Martin Germer getroffen, der in jedem Jahr, auch in diesem wieder, den Gedenkgottesdienst in der Gedächtniskirche leitet. Germer ist geradezu unermüdlich darum bemüht, einen Ort und sich selbst als Gesprächspartner für die Trauer zu bieten. Er war direkt nach dem Anschlag auf dem Platz und hörte jedem zu, der mit jemandem reden musste. Er organisierte für den Tag danach einen ersten Trauergottesdienst und dann viele weitere. Er weint, wenn er gerührt ist und das tut er auch wenn er am Altar vor vielen Menschen steht.

So könnte man fortfahren an dieser Stelle. Da ist die Geschichte des Mitarbeiters der Firma Scania, die den Lkw hergestellt hatte, der zur Mordwaffe wurde und der am Telefon anfing zu weinen, obwohl er nur im Fernsehen gesehen hatte, was mit dem Wagen geschah. Verlust ist ein Gefühl, dass sich in vielen verschiedenen Formen ausdrücken kann.

Besinnliches Gedenken am Breitscheidplatz

Die Form, die Stadt gewählt hat, um ihren Verlust zu betrauern, ist eine durchaus besinnliche. „Am 19. Dezember jährt sich zum dritten Mal der furchtbare Anschlag auf dem Breitscheidplatz, bei dem zwölf Menschen getötet, mehr als 70 Personen körperlich und viele weitere seelisch verletzt wurden. Den Angehörigen und ihren Hinterbliebenen sowie allen Menschen, die betroffen waren, gehört unser Mitgefühl“, heißt es in der Einladung der evangelischen Kirche, die in Absprache mit den Behörden die Gedenkveranstaltung organisiert hat.

Nach der Andacht in der Gedächtniskirche kommen Vertreter des Landes und des Bundes mit den Angehörigen der Opfer an die Stufen. Petr Cizmar und David sind gekommen. Es ist jetzt ganz still. An den Ständen in der Nähe wird nichts mehr verkauft. Die Menschen schweigen.

Pfarrer Martin Germer spricht von einem Tag schmerzender Erinnerungen. Dann ist Chen Elyakim aus Israel dran. Sie spricht über den Verlust ihrer Mutter Dalia, die bei dem Anschlag ums Leben gekommen ist. „Der 19. Dezember 2016 hat unser Leben für immer verändert. An diesem Tag wurde meine Mutter vermisst gemeldet und es vergingen zwei Tage zwischen Hoffnung und Verzweiflung, bis wir die Nachricht erhielten, dass sie gestorben ist“, sagt sie. In den vergangenen drei Jahren habe sie jedoch auch wunderbare Menschen kennen gelernt. „Dieser Ort des Gedenkens ist ein Anker für alle, die Angehörige verloren haben. Erinnern trägt Hoffnung“, sagt sie. Anschließend werden die Lichter auf dem Markt ausgeschaltet. Kerzen brennen. Um 20.02 Uhr, dem Zeitpunkt des Anschlages beginnen die Glocken aus dem Ruinenturm der Gedächtniskirche zu schlagen. Zwölf Schläge für zwölf verlorene Leben. Violinenklänge durchbrechen die anschließende Stille.