Berlin - Einen besonderen Hinweis auf das berühmte Grab gibt es nicht. Es liegt etwas versteckt hinter der Kapelle auf dem Mahlsdorfer Waldfriedhof. Stiefmütterchen wachsen darauf, jemand hat frische Rosen gebracht. Der Stein ist aus schlichtem roten Granit. Die Inschrift: Lothar Berfelde  *18.3. 1928, † 30. 4. 2002. Dass hier Charlotte von Mahlsdorf ruht, ist nicht vermerkt. Die Hinterbliebenen, Bruder und Schwester, wollten kein Aufsehen. Denn Lothar Berfelde gilt als Deutschlands bekanntester Transvestit, seit er 1995 unter dem Titel „Ich bin meine eigene Frau“ seine Autobiografie veröffentlichte, einen Bestseller, der von Rosa von Praunheim verfilmt wurde.

Vor zehn Jahren starb Charlotte von Mahlsdorf. Bei einem Berlin-Besuch. Leute, die sie gut kannten, sagen, sie stand kurz davor, sich wieder in der Stadt niederzulassen. Denn im schwedischen Exil, wohin sie 1997 nach einem Neonazi-Überfall mit zwei lesbischen Freundinnen ausgewandert war, ist sie nie richtig glücklich geworden. Die Freundschaft zerbrach, in der Villa Hamilton in Porlabrunn lebte Charlotte von Mahlsdorf lange allein. Auch die Besucher strömten nicht so in ihr Jahrhundertwende-Museum, wie sie es von Mahlsdorf gewöhnt war.

Der Verein hat noch eine Menge vor

Dort hatte sie 1960  in einem alten Gutshaus am Hultschiner Damm  ein privates Gründerzeitmuseum eröffnet. Es wurde zum Anziehungspunkt insbesondere für Künstler und die schwullesbische Szene Ost-Berlins. Das Gründerzeitmuseum wird inzwischen seit 15 Jahren vom Förderverein Gutshaus Mahlsdorf geführt.

„Dass Charlotte in den Herzen der Menschen bleibt“, sei das Anliegen des Vereins, sagt Monika Schulz-Pusch, die ehrenamtliche Geschäftsführerin. Viele der rund 60 Mitglieder kannten Charlotte von Mahlsdorf persönlich. Einen Teil der von ihr zusammengetragenen Sammlung von Gründerzeitmobiliar und Musikinstrumenten hatte ihr die Stadt Berlin  Mitte der 1990er-Jahre  abgekauft, den schwedischen Teil verkaufte später Charlottes Bruder Hanfried dem Museum. Der Verein erwarb das Gutshaus von 1815, das die Museumsgründerin  vor dem Abriss gerettet hatte, und baute es Jahr für Jahr immer besser aus.

Inzwischen ist das Gebäude beinahe von Grund auf saniert, längst ist das undichte Dach gedeckt, über das sich Charlotte von Mahlsdorf immer wieder geärgert hatte. Rund eine Million Euro gaben Sponsoren und Stiftungen dazu, bei vielem packten die Vereinsmitglieder unentgeltlich mit an. Es gibt einen Mann, der  die historischen Musikautomaten repariert, andere tischlern, erledigen Kleinreparaturen oder machen sauber und führen Besucher herum: „Wir wollen Charlottes Denkmal pflegen“, sagt Monika Schulz-Pusch. Der Verein hat noch eine Menge vor: Das Kellergeschoss wird saniert, es sollen zusätzliche Museumsräume eingerichtet werden. „Vieles wird in Eigenregie gemacht, aber wir hoffen auch noch auf Spenden“, sagt sie.

Insgesamt 14 vollständig eingerichtete Zimmer gibt es inzwischen im Museum, eine original erhaltene Kneipe aus dem Berliner Scheunenviertel mit Vereinszimmer und Hurenstube, eine Küche sowie eine große Sammlung von mechanischen Musikmaschinen. Der Förderverein bietet Veranstaltungen und Führungen an, das Publikum ist längst  international.

Über Deutschland hinaus bekannt

Seit der US-amerikanische Autor Doug Wright sein Ein-Personen-Stück „I am my own wife“ schrieb, das sich um Charlotte von Mahlsdorf, ihr Leben und die Mythen um sie dreht (im Berliner Renaissance-Theater spielte Dominique Horwitz die Rolle), ist die Museumsgründerin über Deutschlands hinaus bekannt geworden. Besucher reisen selbst aus Japan und Australien an. Waren es 1997  knapp 2000 Gäste, wurden 2011 allein zu den Führungen rund 7000 Besucher gezählt. Weitere Gäste kommen zu Lesungen oder Musikveranstaltungen. Begehrt sind Trauungen im Haus, etwa 80 Eheschließungen oder sogenannte  Verpartnerungen gibt es jährlich. „Die Nachfrage ist noch viel größer“, sagt Monika Schulz-Pusch. Doch das Standesamt habe nicht genug Personal.

Zum 10. Todestag von Charlotte von Mahlsdorf hat der Verein am Montag zu einer Feierstunde ins Gutshaus eingeladen. Bezirkspolitiker werden kommen und Sponsoren. Aber auch Künstler wie die Schauspielerin Annekatrin Bürger, die zu DDR-Zeiten die Enteignung Charlotte von Mahlsdorfs verhinderte, und die im Ortsteil lebenden Sänger Frank Schöbel und Dirk Michaelis. Leute vom Renaissance-Theater werden dabei sein und vom Pianola-Museum Amsterdam.

Große Reden werde es nicht geben, sagt Schulz-Pusch. Es würden Filme gezeigt, das Museum sei geöffnet, man könne sich unterhalten: „Wir zeigen, was sich in den letzten zehn Jahren verändert hat.“ Und das, da ist  sich die Vereinschefin sicher, hätte Charlotte von Mahlsdorf bestimmt gefallen.

Gründerzeitmuseum Mahlsdorf: Hultschiner Damm 333, Mi und So 10–18 Uhr, Eintritt 4,50 Euro, Studenten 3,50 Euro, Kinder (6-12 Jahre) 2 Euro.

www.gruenderzeitmuseum.de