Zur Feier am Brandenburger Tor wollten mehr Menschen kommen als Platz war.
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BerlinDer Fall der Berliner Mauer am 9. November 1989 war ein überraschender Zufall, der die Welt jedoch grundlegend veränderte. Die Feiern zum 30. Jahrestag dieses historischen Glücksmoments sind hingegen nur noch ein lokales Berliner Ereignis, das sogar die Planer der Feier überfordert hat.

Das zeigte sich am Samstagabend, als Zehntausende Berliner und Touristen zur großen Feier am Brandenburger Tor wollten, als die Busse nur im Schritttempo fuhren und hoffnungslos überfüllt waren. Als die Polizei um 17.45 Uhr den Zugang zum Festgelände hinterm Adlon einfach dicht machte, weil so viele Leute kamen, dass sie nicht zu bewältigen waren. Die Massen an Leuten sollten sich auf den mindestens zwei Kilometer langen Weg zum Großen Stern machen, dort war noch ein geöffneter Eingang – sagte jedenfalls ein Polizist immer wieder über Lautsprecher. Ein Festbesucher schüttelte recht fassungslos den Kopf und sagte: „Die sind ja gar nicht richtig darauf vorbereitet, dass auch noch Gäste zu ihrer Feier kommen.“ Seine Frau sagte: „Warum hält Merkel eigentlich keine Rede ans Volk?“

Und dann wundert sich noch jemand, dass sich manche Ossis mal wieder nicht verstanden fühlen.

Wir waren mit Kind unterwegs, wollten ihm ein wenig von jener Sache nahebringen, die unser Leben verändert hat. Angesichts der Massen, die zum letzten geöffneten Zugang strömten, gaben wir irgendwann auf. Auf dem Rückweg lief zum Glück auf dem Alexanderplatz eine zehnminütige Kunstinstallation. Videos wurden auf die Häuserfronten geworfen, eine kurze, ergreifende und technisch ziemlich perfekte Sache über den Anfang vom Ende eines ganzen Landes. Auch dieser Platz war voller Leute. Da standen asiatische Touristen, die ziemlich begeistert mit ihren Handys Videos aufnahmen, da standen etliche Berliner, die sich die Tränen aus den Augen wischten, und da verteilten Schülerinnen ihre Fridays-for-Future-Plakate.

Wir gingen nach Hause und sagten unserem Kind: „Komm, wir beeilen uns. Wir schauen uns das Ganze im Fernsehen an.“ Naiv wie wir waren, dachten wir, dass der RBB das Barenboim-Konzert live überträgt. Aber nein. Da kam zwar einiges zum Mauerfall, aber nicht die große Feier.

Der Beitrag der ARD zum Glückstag der Deutschen war eine monothematische Ausgabe von „Frag doch mal die Maus“, bei der Eckart von Hirschhausen seine Gäste zur DDR befragte. Im ZDF lief ein „Erzgebirgskrimi“ mit DDR-Bezug. Der Fall der Mauer war zum reinen Unterhaltungsprogramm verkommen. Während Zehntausende Leute - wirklich überraschend viele - in Berlin zur großen Feier wollten und nicht reinkamen, lief im MDR eine MDR-typische ostalgische Sendung, bei der Inka Bause auf der Couch saß und dem „Sound der Wende“ lauschte.

Immerhin zeigte der RBB ab 20.15 Uhr eine ernsthafte Doku zum Mauerfall und ab 22 Uhr den ziemlich gelungenen Spielfilm „Bornholmer Straße“.

Der Fall der Berliner Mauer war für die Leute auf den Straßen in Berlin Mitte noch immer ein weltveränderndes Ereignis, im Fernsehen war es nur noch eine Sache für den Berlin-Brandenburger Regionalsender. Und dann wundert sich noch jemand, dass sich manche Ossis mal wieder nicht verstanden fühlen. Aber so ist es wohl, wenn die Mehrheit über die Revolution einer Minderheit berichtet, die nun mal nicht ihre war.