Berlin - „Es war nicht alles schlecht in der DDR“, sagt Wolf Biermann. Aber das sagt er erst ganz zum Schluss, als Zugabe. Zwei Stunden hat er sich da am Samstagabend über die Bühne des Berliner Ensembles gesungen, geschrien und gelacht, ganz biermannmäßig: laut und schräg, derb und ironisch. Mit Geschichten, die wie lustige Anekdoten wirken, die aber gar nicht zum Lachen waren, damals, als sie passiert sind. Ein Biermann-Abend zum Mauerfall-Jubiläum.

„Man singt sich die eigene Angst von der Seele“, sagt Biermann, der erst Auftrittsverbot bekam und 1976 ausgewiesen wurde und singt die Stasi-Ballade von 1967, über die „armen Stasi-Hunde, die bei Schnee und Regengüssen, mühsam auf mich achten müssen“. Er singt die „Ermutigung“ von 1966 und die „Ballade von den verdorbenen Greisen“ von 1989, über Honecker-Nachfolger Egon Krenz als „fröhlicher kalter Krieger“ und „Monument der Heuchelei“. Oben röhrt Biermann „Soldat, Soldat in grauer Norm“. Er sagt, er würde die Nationalhymne am liebsten ersetzt sehen durch die Kinderhymne von Bert Brecht.

Angela Merkel sitzt in der ersten Reihe, neben Ehemann Joachim Sauer. Bundestagspräsident Norbert Lammert ist gekommen und Ex-Bundespräsident Horst Köhler. „Die Obrigkeit und die Untrigkeit“, sagt Biermann und begrüßt viele DDR-Bürgerrechtler.
Merkel trägt ein pinkfarbenes Jackett, eine große Goldkette und schwarze Hosen –fast eine schwarz-rot-goldene Kanzlerin.

Dieser Inhalt ist nicht mehr verfügbar.

Und sie hält das Grußwort: Sie sagt, dass sich 1976 kaum jemand ein solches Konzert hätte vorstellen können. Das Publikum, sagt Merkel, wäre in der DDR identifiziert worden als „Staatsfeinde und unerwünschte Besucher aus der BRD“. Biermann sei „einer der größten Dichter und Liedermacher unserer Zeit“. Biermann hat Merkel vor kurzem umgekehrt sein OK gegeben. Sie sei schon zu DDR-Zeiten „wunderbar plietsch“ gewesen, pfiffig also. Weil sie sich zum Begräbnis seines guten Freundes, des Bürgerrechtlers Robert Havemann geschlichen habe.

Die Linkspartei spielt keine Rolle an diesem Abend. Stattdessen erzählt der 75-Jährige von seiner Mutter Emma, die ihn aus dem Westen in Ost-Berlin besuchen kam, und immer schon früh an der Grenze war, morgens um acht Uhr, „als die DDR aufgeschlossen wurde“. Von der Suche nach Abhör-Wanzen in der Wohnung. Von der Genugtuung, die alten Widersacher nun als Geschichte konserviert zu sehen, „wie Fliegen in Bernstein“. Es gibt Standing Ovations. Biermann kommt noch einmal auf die Bühne. Noch eine Geschichte. Und er sagt: „Es war nicht alles schlecht in der DDR“, schließt Biermann, auf seine Weise.